Biografie Rudolf Steiner - Ein Vortrag von Martin von Mackensen am 17. Januar 2019

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Schlüsselwörter Teil 1

Biografie Rudolf Steiner - wie konnte dieser Mensch eigentlich so sein, wie er ist? - Anthroposophie-Impuls - Kraljevec - k. und k. Monarchie - Vater - Mutter - im Wartesaal der Kindheit - ständiges Umziehen der Eltern - Technik und Kultur in die Wiege gelegt - ich habe Wahrnehmungen, die von etwas da sind, mit denen ich in der Welt anstoße - einige Quellen: Rudolf Steiner, eine Biographie von Christoph Lindenberg - Der Mensch Rudolf Steiner von Taja Gut - Rudolf Steiner und die Anthroposophie" von Walter Kugler - die Verbundenheit mit den Geistern der Natur - Schule empfindet er als furchtbar langweilig - Geometrie als Glückerfahrung - Geistwelt im unmittelbaren Erleben als objektive Tatsache - Autobiographie "Mein Lebensgang" - geometrische Formen - Mathematik - die Wirklichkeit der geistigen Welt ist ihm gewiss - wunderbare Zeichnungen - Nachhilfelehrer - Immanuel Kants Kritik der reinen Vernunft - Kant: Trennung des Menschen mit seinem Denken von der Welt - Maja - studiert viele Studienrichtungen - Job: Fachartikel für Universal-Lexika - Begegnung mit dem Kräutersammler Koguzki - der geistige Zusammenhang in den Kräutern der Natur - in Gottes Segen ist alles gelegen - Figur des Kräutersammlers im Mysteriendrama - spielend lernen mit behindertem Kind - anthroposophische Heilpädagogik - Karl Julius Schröer - Herausgabe einer Goethe-Gesamtausgabe - Goethe als Geologe, Mineraloge und Botaniker - geselliges Leben in Wien - Café Griensteidl - Umzug nach Weimar ins Goethe-Archiv - Veröffentlichungen der Goetheschen naturwissenschaftlichen Schriften - Versuch, die Weltanschauung Goethes zusammen zu fassen - der Typus-Gedanke - den Typus der Pflanze verstehen - erste selbstständig formulierte philosophische Erkenntnisse - Dissertationsschrift: Wahrheit und Wissenschaft - Erkenntnistheorie: Die Idee - etwas ist nur in meinem Denken - Philosophie der Freiheit - sicheres Erkennen des nicht Sinnlichen - Heirat in Weimar - Besuch bei Nitzsche - Nietzsche, ein Kämpfer gegen seine Zeit - Umzug nach Berlin - Geldangelegenheiten

Schlüsselwörter Teil 2

Entwicklung der Anthroposophie - Geisteswissenschaft - Steiners Kindheit - Goethe-Arbeit - Philosoph - Weimarer Zeit - klare philosophische Position - Steiner in Berlin um 1900 - Rosa Luxemburg - Karl Liebknecht - Arbeiter-Bildungsschule - proletarische Gesellschaftsgruppen - Wichtigkeit der Bildung - Steiner legt sich politisch nicht fest - Welt der Kunst und Kultur - Geschichtsunterricht - unterrichtet verschiedene Fächer - Welt der Adeligen - Interesse an Theosophie - Einladung zu Teegesellschaften - Gräfin und Graf Brockdorf - Ausführungen über Nietzsche - Vortrag Goethes geheime Offenbarung - Märchen von Goethe - in Worten sprechen, die von der Geistwelt geprägt sind - die Deutschen Dramatischen Blätter für die Bühnen - Vorträge vor der Theosophischen Gesellschaft - Landesgesellschaft in Deutschland, Steiner ist Generalsekretär - Zusammenarbeit mit Marie von Sivers - Internationale Kongresse der Theosophie - reiche Vortragstätigkeit - esoterisch- meditative Unterweisungen - Brüche mit der Theosophischen Gesellschaft - Zweigvortrag - die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkt der Geisteswissenschaft - anthroposophische Medizin - Ita Wegman - Wie erlangt man Erkenntnisse der Höheren Welten - Zeitschrift der Theosophen - Mysterienspiele - Drama - Theater - spirituelle Inhalte auf die Bühne bringen - Wagner - Parsifal-Legende - Bühnenweihespiel - Schriftsteller Édouard Schuré - Steiner schreibt vier Mysteriendramen - Eurhytmie - Esoterisches Christentum - Farblichttherapie - Architektur - erstes Goetheanum - Holz-Doppel-Kuppelbau - Doktor Großheintz - Dornach - am Hügel in Dornach - Johannesbau - 1913 Baubeginn des 1. Goetheanums - Tempelbau - 1. Weltkrieg totale Fehlentwicklung - Urkatastrophe - Steiners Friedensbemühungen - Meditationstexte für die im Krieg Verstorbenen - Gründung der Anthroposophischen Bewegung - neue Gesellschaftsordnung: Die soziale Dreigliederung - Geheimwissenschaft - Eliza von Moltke - Helmut von Moltke - Buch: Die Schuld am Krieg, die Memoiren des Helmut von Moltke - Friedenvertrag von Versailles - Praxis Ita Wegmans in Dornach - Entwurf der Praxis von Rudolf Steiner - Medikamente - Pflanzenfarben - Bemalung der Goetheanums-Kuppeln - Konzern Weleda - Oskar Schmiedel - Buch: Kernpunkte der sozialen Frage - Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik - Emil Molt - Steiners Werkstatt, die Schreinerei - Erste Freie Walddorfschule - Stuttgart - Pädagogik der Zukunft - Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Waldorf-Pädagogik - zukunftsoffen - Gleichberechtigung der Geschlechter - gesunde Erziehung - Goetheanum-Brand - erste Fernwärmeversorgung - ein neues Goetheanum - heilpädagogischer Kurs - der Mensch ist ein voller Mensch - Keyserlingk - Landwirtschaftliche Tagung in Breslau - Biodynamik - Anthroposophische Heilpädagogik - Weihnachtstagung - Karl König - Camphill Dorfgemeinschaft

Zum Film: Teil 1 und Teil 2

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- Teil 1 -
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- Teil 2 -

Weitere Vorträge von Martin von Mackensen findest du hier auf https://biodyn.wiki/Martin_von_Mackensen

Transkription der Biografie von Rudolf Steiner Teil 1

Eine Kindheit im Wartesaal 0:01:08

Ja, ich begrüße euch ganz herzlich zu dieser Abendstunde. Und wir haben ja vor, uns mit der Biografie Rudolf Steiner zu beschäftigen. Und das ist nun kein ganz einfaches Unterfangen, weil in dieser Biografie wahnsinnig viel darinnen ist. Und das ist eigentlich in so einem Abend gar nicht vollständig irgendwie darstellbar. Und gleichzeitig ist über diese Biografie schon sehr, sehr viel veröffentlicht worden. Und man hat dann, wenn man hier so steht, einen gewissen Bammel, ob man so das Richtige trifft. Dass ein Bild entsteht, was auch dann würdig ist, diese Person zu beschreiben.

Also mein Bemühen ist so, dass ich versuchen möchte, für euch ein Bild dieser Persönlichkeit zu geben. Und gleichzeitig in diesem Versuch, das sozusagen möglichst objektiv in seiner Zeit darzustellen, ist es aber doch auch nicht vermeidbar, dass die Sympathie und die Bewunderung rüberschwappt. Auch wenn das nicht gewollt ist oder angezielt ist, möchte ich sozusagen schon vorher sagen, es ist unvermeidbar. Ja. Und es ist für mich auch immer wieder eine schwierige Sache, dieses Referat. Ich liebe es auf der einen Seite, weil ich dadurch angespornt bin, mich wieder damit zu beschäftigen. Und auf der anderen Seite ist es eben so, dass ich hoffe, dass ihr da durchhaltet, jetzt diese zweimal gute Stunde. Und dass wir danach auch noch ein paar Minuten Gespräch haben können und Fragen sammeln können. Ob ich sie beantworten kann, kann man versuchen. Das wäre das Ziel. Also der Versuch, dieses Leben vor euch hinzustellen, in zwei Teilen. Und dabei jetzt besonders im Auge zu haben, wie konnte dieser Mensch eigentlich so sein, wie er ist? Und wie konnte dieser Mensch uns diese Anregungen geben, die 100 Jahre später immer noch irgendwie zu mindestens mal interessant sind? Und da kann man ja vielleicht so viel sagen, gerade letzte Woche ist ja in einer großen Zeitschrift wieder mal ein Artikel erschienen, wo es darum ging, was war eigentlich der Bauhaus-Impuls? Und da war doch parallel der Anthroposophie-Impuls. Und beides wurde so ein bisschen als eine, ja, wie schräge Sache des 20. Jahrhunderts dargestellt. Und gleichzeitig ist es dann doch auch so, dass es viele große Geister gibt, die sagen, ja, irgendwie hat der Steiner uns immer noch was zu sagen und vielleicht auch in Zukunft noch zu sagen. Was uns vielleicht gut tut, um unsere Verhältnisse irgendwie zu verbessern und fruchtbarer und besser hinzukriegen.

Also meine Perspektive ist die aus der Landwirtschaft heraus. Aus dem, dass ihr eigentlich vor der Frage ja steht, mehr oder weniger da reinzugehen, in die Biodynamik und darin tätig zu werden oder eben schon tätig seid. und diesen Begründer dieser Landwirtschaft ein bisschen besser kennenzulernen.

1861 an der Süd-Ost-Ecke Mitteleuropas, diese k. und k. Monarchie, kaiserlich-königliche österreichische Monarchie, eine Riesen Monarchie, ein Vielvölkerstaat, Zentrum Wien. Und da jetzt so in der Ecke zwischen Ungarn, Steiermark, Kroatien, Österreich, Kraljevec, ein kleines Bahn-Örtchen, da wird Rudolf Steiner geboren. Und er wird eigentlich in eine Landschaft hineingeboren, von der wir zu Recht sagen können, eine der schönsten, die es überhaupt gibt in Mitteleuropa. Ganz kleinräumig, ganz fruchtbar, richtig kalte Winter, wunderschön heiße Sommer, fast mediterranes Klima, aber doch noch feuchter. Alle Kulturen, die man sich vorstellen kann, konnten da angebaut werden. Eine wunderbare, kleinräumige Welt, Landwirtschafts-Welt. Und 1861 in der Fläche, in der Peripherie dieses österreich-ungarischen Kaiserreiches, da war die Kirche noch wirklich im Dorf. Da war eigentlich noch alles so, wie es immer war. Und doch war auch schon ganz viel Aufbruch und ganz viel Neuzeit angekommen.

Und nun ist es bei dieser Person so, dass sie eigentlich an so einer Schnittstelle steht, weil der Vater den Beruf hatte, Eisenbahn-Bediensteter zu sein, Stations - wir würden vielleicht heute sagen, Stationsabwickler. Eine Person, die auf so einer kleinen Station, so einer Eisenbahnstation, alles tun musste, was mit dem Zugverkehr verbunden war. Die war da alleine, diese Person. Und das war die Österreichische Südbahn. Und die war einspurig. Und da kam vielleicht alle eins, zwei, drei Stunden ein Zug und der musste abgewickelt werden. Der meldete sich vorher und da musste telegraphiert werden. Und dann brachte der eben etwas herbei, was abgeladen oder aufgeladen werden musste. Dann waren da vielleicht Fahrgäste, die vorher ein Billett zu lösen hatten und so weiter. Und das war eine ziemlich aufreibende Arbeit. Und einmal in der Woche hatte der Mann dann frei. Da kam jemand mit dem Zug an, und dann hatte der 24 Stunden frei, der Vater. Und dann ging es wieder sechs Tage lang. Und er musste eben sehen, wie er seinen Schlaf so organisierte, dass der zu dem Bahnleben passte. Also Achtstundentag oder so, weit gefehlt. So war das. Und die Mutter ist eine ganz liebevolle, sehr zurückhaltende Frau, von der wir sehr wenig wissen, auch aus ganz einfachen Verhältnissen. Beide kommen eigentlich aus ländlich-forstmäßigen Verhältnissen. Der Vater war auch vorher Angestellter also - oder angestellt klingt vielleicht sehr gut - also er war in einem Forstbetrieb ein bisschen mit tätig. Einfache, sehr ärmliche Verhältnisse. Und dieser Rudolf, das erste Kind. Und man muss sich so ein kleines Dörfchen vorstellen, wenn es gut geht, der Bahnhofsvorplatz gepflastert, sonst eigentlich ungepflasterte, staubige Wege, ein paar Fuhrwerke, ein paar Bauernhöfe und vielleicht irgendwo ein kleines Gewerbe, eine kleine Manufaktur und das nächste Dörfchen und so weiter. Und eine hügelige, bewegte, wunderschöne Landschaft. Und dieser kleine Säugling ein Schreikind, das die ersten Monate kräftig geschrien hat. Das gibt es ja immer mal wieder, dass man ein Kind hat, was mindestens zwei, drei, vier Monate eigentlich, wenn es wach ist, immer schreit. Das sind so ganz besondere Personen. Ich kenne das von meinen eigenen Kindern. Das kann sehr anstrengend sein für die Eltern. Und nun kommt es im Alter von fünf, sechs Jahren zu einer merkwürdigen Situation, die er uns später aufschreibt. Und die möchte ich vorlesen. Ein Kind, was eigentlich im Wartesaal seine Kindheit verbringt, also in diesem Zusammenhang der Eisenbahn. Und dadurch, dass die Eltern ständig umziehen müssen, immer wieder zu neuen Stationen, die sie verwalten müssen, keine Anbindung so richtig an andere Kinder, an ein dörflich-landwirtschaftliches Leben. Das war schon ab und zu mal, aber nicht so wie eben ein Bauernkind. Und das beschreibt Rudolf Steiner später auch als etwas Typisches für seine Biografie, dass er so dazwischen geraten ist. Dass er etwas von der modernen Technik und Kultur schon wie in die Wiege gelegt bekommen hat. Und man muss sich vorstellen, mit der Eisenbahn war ja verbunden die Telegrafie, der Dampfantrieb. Und das waren wirklich damals die modernsten Techniken, die es überhaupt gab. Und er schreibt da so:

Frage aus dem Publikum: War der eigentlich Einzelkind?

Nein, es kommen dann zwei Geschwister noch danach. Sekunde, jetzt habe ich hier ein kleines...

"Eines Tages, noch vor seinem achten Lebensjahr, sitzt er allein im Wartesaal. Da erscheint ihm eine Frau, die ihn um Beistand bittet und danach auf seltsame Weise verschwindet. Tage später stellt sich heraus, dass sich eben zu dieser Zeit die entfernt wohnende Schwester seiner Mutter das Leben genommen hat." Später deutet Steiner an, dass ihm seither die äußere Welt transparent geworden ist.

Zitat. Ach so, das ist schon das nächste. Das reicht erst mal! Das Kind, was eine, tja, wie kann man das beschreiben, eine Wahrnehmung hat, die ganz eindeutig nicht sinnlich ist. Und an anderer Stelle beschreibt er das dann selber und sagt, ja, er habe dann eigentlich zu den Erwachsenen Kontakt gesucht und hat versucht, das Erlebnis zu schildern. Und dann hat man ihm einfach gesagt: "Was erzählst du da, du dummer Bub?" Bleib sozusagen hier im Hier und Jetzt! Und die Nachricht, dass die Tante verstorben ist und Selbstmord begangen hat, die hat er so direkt gar nicht gekriegt. Und die Eltern haben die zwei Wochen später bekommen. Und nur aus der Reaktion der Eltern hat er dann als Kind kapiert, dass das eben zusammenfällt. Und ihn aber auch gleichzeitig verschüchtert und durcheinandergebracht in Bezug auf diese Wahrnehmungen, die er hat, und die offensichtlich die Eltern, und da waren noch andere Erwachsene, nicht haben. Also gleich am Anfang dieses Problem, ich habe Wahrnehmungen, die von etwas da sind, mit denen ich in der Welt anstoße. Er berichtet dann über seinen Umgang in dieser Welt, in dieser Natur und schreibt jetzt in der dritten Person, da war er ungefähr 50. Da ist allerhand Blödsinn über ihn veröffentlicht worden, über seine Biografie. Und dann sieht er sich genötigt, selber dazu etwas zu schreiben, was ihm sonst eigentlich sehr fern lag.

"Und der Knabe lebte etwa von jenem Zeitpunkt ab mit den Geistern der Natur, die ja in einer solchen Gegend ganz besonders zu beobachten sind, mit den schaffenden Wesenheiten hinter den Dingen, in derselben Weise, wie er die äußere Welt auf sich wirken ließ."

Also, in einer kurzen Biografie, die so, ja, 15 Seiten damals umfasste, die er zunächst auch als Vortrag gehalten hat 1913, fängt er damit an, dass er eben dieses Bahn-Erlebnis berührt. Und dann diese Verbindung zu den Geistern der Natur, mit denen er in einer Verbindung steht, mit der er eine Wahrnehmung hat, wie mit der äußeren Welt. Auch noch wohl vor der Schulzeit oder vielleicht in dem ersten Schuljahr oder spätestens in dem zweiten. Also ganz am Anfang der Biografie, dieses Erlebnis.

Ja, ich schiebe mal kurz ein, dass ich ein bisschen die Quellen aufzeige, von denen ich hier operiere. Das ist vor allem dieses kleine Büchlein: Der Mensch Rudolf Steiner, Taja Gut. Ich habe das auch da noch mal hingelegt. Das kann man auch da noch einsehen die nächsten Tage. Das ist eine wunderbare Zusammenfassung für jemand, der viel über diese Biografie gelesen hat, bewundert man die Genialität, die hier eine kurze Zusammenfassung ermöglicht hat.

Das weitere ist vor allem ein Autor, der sich viele, ja wirklich viele Jahre mit der Biografie Rudolf Steiner beschäftigt hat, Christoph Lindenberg. Da gibt es eine rororo-Biografie und eine größere, zweibändige Biografie. Und etwas, was eben für einen wirklichen Historiker typisch ist, Christoph Lindenberg war ein sehr präziser und guter Historiker. Er hat auch dieses hier gemacht, was ein Schatz ist: Rudolf Steiner - Eine Chronik. Und da hat er einfach alle Dokumente, alles, was man wissen kann, chronologisch geordnet. Und da gibt es dann auch schöne Witze über diesen Mann. Wenn dann irgendwo Leute auftraten: "Ja, meine Tante, ich habe da was geerbt. Und da steht dann, am soundsovielten September 1918 hat Rudolf Steiner meiner Tante dies und das gesagt und so. Und das Ganze war in Köln." Und dann ist man damit zu Lindenberg gegangen. Und dann hat er so nachgeguckt und dann hat er gesagt: "Völlig unmöglich. Rudolf Steiner war zu der Zeit in Berlin und einen Tag später fuhr er nach Freiburg. Und drei Tage später fuhr er nach Hamburg. Und wenn Sie diese Behauptung wirklich aufrechterhalten, dann hole ich die Reichsbahn-Pläne und zeige Ihnen, dass das alles Quatsch ist, was Sie mir hier erzählen, weil es gar nicht möglich war, mit dem Zug dahin zu kommen." Also er hat wirklich zum Teil so recherchiert, weil es natürlich auch unglaubliche Behauptungen bei Rudolf Steiner gibt, was er getan hätte und wo er überall gewesen sei. Also Lindenberg als einer der, ja, ordentlichsten und präzisesten Biografen und ihn benutze ich viel und auf ihn stütze ich mich sehr stark.

Es gibt eine mittlerweile unüberschaubare Menge an Literatur zur Biographie Rudolf Steiners. Ich habe wirklich vieles davon gelesen. Und kann wirklich empfehlen, zum Einstieg dieses kleine Taja Gut, auf das ich mich auch beziehe. Und diese kurze Darstellung von Lindenberg in dem Rowohlt Verlag. Und dann gibt es noch ein Drittes, was ich vielleicht auch noch hervorheben möchte. Das ist diese Biografie "Rudolf Steiner und die Anthroposophie", Walter Kugler. Das ist aus den Siebzigerjahren. Und ich kenne Walter Kugler gut. Und er hat das dann vor acht Jahren noch mal komplett neu überarbeitet. Das liegt, glaube ich, auch da drüben. Das wären so drei Biografien, auf die ich hinweisen will.

Ja, also ich versuche, in dem ersten Teil viel Originalquellen vorzulesen, weil dadurch wird es vielleicht zugänglicher. Und im zweiten Teil, ungefähr ab 1900, werde ich vieles frei erzählen. Also wir haben diese Gliederung 1861 bis ungefähr 1900, im ersten Teil. Und dann 1900 bis 1925. So wollen wir es heute Abend mal gliedern. Und dieses erste Erlebnis nach der Schilderung der Landschaft, der Örtlichkeit, der Familie. Also das erste Erlebnis eben diese Situation mit der Tante, diese Wahrnehmung einer geistigen Erscheinung und das Nichtzurechtkommen mit den Eltern. Und das Zweite, diese Verbundenheit mit den Geistern der Natur, wie er ungefähr vierzig, fünfzig Jahre später das benennt.

Das dritte wesentliche Ereignis, was wir kennen und was er selber auch schildert, das ist nun etwas, was schon in die Schulzeit fällt. Und die Schulzeit, obwohl er mehrfach umgezogen ist, ist für ihn davon geprägt, dass es furchtbar langweilig ist, weil er alles versteht. Und zwar hat er es meistens schon klar, lange bevor es im Unterricht kommt. Und dann in den höheren Klassen macht er es dann oft so, dass er das Schulbuch, nach dem irgendwie stur der Unterricht so durchgeführt wird, das tut er so halten: Da nimmt er den Umschlag von dem Schulbuch und legt ihn um ein anderes Buch, um das zu lesen während des Unterrichts. Ist aber in der Lage, sofort zu antworten, wenn der Lehrer irgendeine Frage stellt. Und er liest da sehr, sehr schwerverdauliche philosophische Literatur. Das ist typisch für ihn, dass er eben diese unglaublich hohe, schnelle Auffassungsgabe hat, auch schon als Kind und als Jugendlicher.

Die Geometrie als Glückserfahrung: Als ein Wissen, das scheinbar von dem Menschen selbst erzeugt wird, das aber trotzdem eine von ihm ganz unabhängige Bedeutung hat, erschien mir die Geometrie 0:20:40

Jetzt möchte ich dieses Beispiel schildern, des ungefähr Zehn-, Zwölfjährigen. Er ist in der Schule und der Lehrer, der eine ist eben sehr lieb zu ihm und lässt ihn ab und zu in die Bibliothek des Lehrers, weil er merkt, er kann den eigentlich gar nicht fördern in dem Unterricht mit den anderen Kindern. Und lässt ihn einfach da in die Bibliothek. Und da fällt ihm ein Geometriebuch in die Hand. Und das darf er sich ausleihen und studiert es sehr gründlich. Und zeichnet das alles so nach. Und da schreibt er, wenn auch zunächst mehr gefühlsmäßig zeichnete sich hier für ihn zum ersten Mal ein Weg ab, die Geistwelt, die im unmittelbarem gegenwärtigen Erleben ist, als objektive Tatsache zu fassen. So schildert er es sozusagen abstrakt. Jetzt kommt die Schilderung, die er selber gibt, jetzt wieder aus diesem Vortrag mit ungefähr 50.

"Dass man seelisch in der Ausbildung rein innerlich angeschauter Formen leben könne, ohne Eindrücke der äußeren Sinne, das gereichte mir zur höchsten Befriedigung. Ich sagte mir, die Gegenstände und Vorgänge, welche die Sinne wahrnehmen, sind im Raum. Aber ebenso wie dieser Raum außer dem Menschen ist, so befindet sich im Inneren eine Art Seelenraum, der der Schauplatz geistiger Wesenheiten und Vorgänge ist. In den Gedanken konnte ich nicht etwas sehen, wie Bilder, die sich der Mensch von den Dingen macht, sondern Offenbarungen einer geistigen Welt auf diesem Seelenschauplatz. Als ein Wissen, das scheinbar von dem Menschen selbst erzeugt wird, das aber trotzdem eine von ihm ganz unabhängige Bedeutung hat, erschien mir die Geometrie. Ich sagte mir als Kind natürlich nicht deutlich, aber ich fühlte, so wie Geometrie muss man das Wissen von der geistigen Welt in sich tragen. Denn die Wirklichkeit der geistigen Welt war mir so gewiss wie die der sinnlichen. Ich hatte aber eine Art Rechtfertigung dieser Annahme nötig. Ich wollte mir sagen können: Das Erlebnis von der geistigen Welt ist ebenso wenig eine Täuschung, wie das von der Sinnenwelt. Bei der Geometrie sagte ich mir: Hier darf man etwas wissen, was nur die Seele selbst durch ihre eigene Kraft erlebt. In diesem Gefühl fand ich die Rechtfertigung von der geistigen Welt, die ich erlebte, ebenso zu sprechen wie von der sinnlichen. Ich weiß, dass ich an der Geometrie das Glück zuerst kennengelernt habe."

Das ist jetzt aus der Autobiografie, also das Erlebnis des Zehn-, Zwölfjährigen, der das Geometriebuch des Lehrers ausleiht und nachzeichnet. Und in dem Nachzeichnen in die Gedankengänge kommt, wie man einen Würfel, wie man einen Tetraeder konstruiert, wie Perspektive zu zeichnen ist und so weiter. Und jetzt dann, übergehend in die rein gedanklichen, geometrischen Formen und Erklärungen, die ja immer mit Mathematik zusammenhängen, in diesem Vorgang jetzt zu bemerken, dass das ja eine Welt ist, die gar nicht mehr sinnlich ist und die aber gleichzeitig eine unglaublich sichere und klare und eindeutige ist. Und plötzlich zu merken, das ist eigentlich dasjenige, was ich da auch immer erlebe. Und hier ist es so klar und sicher und der Weg ist so eindeutig. Und das bezeichnet er nun als das Glück. Das ist schon erstaunlich. Als Kind zu sagen, das Erlebnis in dem sozusagen autodidaktischen Nacharbeiten solcher Geometriegedanken, das als Glück zu bezeichnen, weil es einen Übergang in eine Welt bedeutet, in der dieses Kind ganz offensichtlich ständig zu Hause war, in der es ständig Wahrnehmungen hatte. Und wo es große Probleme hatte, das zu kommunizieren mit den anderen Menschen. Ja. Das ist diese kleine Schilderung des Geometrieerlebnisses.

Und nun entwickelt sich das so weiter, dass er in der Schule eben weiterhin total unterfordert ist. Und er zeichnet nebenbei. Und da gibt es wunderbare Zeichnungen, so von typischen, ja, großen Erscheinungen der damaligen Zeit, irgendein Graf mit einem wunderschönen Vollbart und so einem Charakterkopf. Und es ist da erst in den letzten zwanzig Jahren manches noch gefunden worden in Archiven. Und das kann man da drüben dann auch in den nächsten Tagen noch studieren. Also ich lasse diese Bücher und Bilder dort. Wir hätten das Ganze jetzt hier auch mit unglaublich vielen Bildern noch bereichern können. Aber mir ging es eigentlich eher darum, dass etwas von diesem Mensch in euch entsteht. Und die Bilder könnt ihr euch selber dazu holen. Das kriegt man auch hin. Also der zeichnende Schüler, der präzise und sauber und genau auch gerne eben Dinge abzeichnet und dabei auch ein bisschen verwandelt. Es ist eine typische Sache, die, sagen wir mal vielleicht für das zwölf-, vierzehnjährige Kind oder den Knaben da eben typisch war.

Rudolf Steiner als Nachhilfelehrer - Ich habe diesem Nachhilfeunterricht unheimlich viel zu verdanken 0:27:06

Jetzt kommt etwas, was eben auch wieder ihn auszeichnet, nämlich der Bedarf, dass die anderen Kinder das alles nicht verstehen, da in der Schule. Und ganz früh wird dieser Rudolf zum Nachhilfelehrer. Und er sagt dann viel, viel später in seinem Leben, dadurch, dass er immer Nachhilfeunterricht gegeben hat, hat er eigentlich überhaupt erst richtig gelernt. Dass was ihm so zugefallen ist, er war so schlau und so schnell auffassend, dass er eigentlich gar nicht so richtig gemerkt hat, dass er das alles schon drauf hatte. Und erst indem er konfrontiert war mit einem Mitschüler oder einem jüngeren Schüler, der Schwierigkeiten hatte, ist er überhaupt erst so richtig für den Stoff erwacht. So schreibt er das. Erst, indem man jemandem sozusagen mühsam das irgendwie beibringen muss, um was es hier jetzt geht, denkt man an ein Hebelgesetz oder an einen Zusammenhang aus einem Deutschaufsatz oder so. Erst in dem wird ihm das so richtig griffig. Und später sagt er dann: "Ich habe diesem Nachhilfeunterricht unheimlich viel zu verdanken." Und wir sehen darin etwas, was ich hier sozusagen ein bisschen über den ganzen ersten Teil drüber stellen möchte, das Motiv, er muss bremsen. Geschwindigkeit ist ein Riesenproblem für ihn. Er ist einfach wahnsinnig schnell. Und sich irgendwie anzupassen an eine normale Geschwindigkeit, das ist ein richtiges Problem für diesen jungen Mann. Und das werden wir jetzt noch ein paar Mal sozusagen erwischen, dieses Thema. Und da gibt es eine wunderbare Schilderung über auch ein Schulerlebnis. Das möchte ich auch wieder im Original bringen. Sekunde, da muss ich mich etwas sortieren. Jetzt fehlt mir hier gerade einer. Der ist irgendwie abhanden gekommen. Ist der da drunter? Ja, da ist er.

Studium Kants Kritik der Reinen Vernunft: Ich strebe auf meine knabenhafte Art danach, zu verstehen, was menschliche Vernunft für einen wirklichen Einblick in das Wesen der Dinge zu leisten vermag 0:30:02

Rudolf Steiner entdeckt im Frühjahr 1877 in einer Buchhandlung die soeben erschienene Reclam-Ausgabe von Immanuel Kants Kritik der reinen Vernunft. Von Kant wusste er damals nicht das Geringste. Aber er muss eine Vorstellung von dem, was das Wort Vernunft bedeutet, gehabt haben. Zitat: "Ich strebe auf meine knabenhafte Art danach, zu verstehen, was menschliche Vernunft für einen wirklichen Einblick in das Wesen der Dinge zu leisten vermag." Nachdem er einige Wochen Kreuzer auf Kreuzer gelegt hatte, konnte er das Buch kaufen. Damit begann das Kant-Studium in freien Stunden während des extrem langweiligen Geschichtsunterrichts und in den Sommerferien wurde Kant gelesen. Zitat: "Ich las wohl manche Seite mehr als zwanzigmal hintereinander. Ich verhielt mich zu Kant damals ganz unkritisch, aber ich kam durch ihn nicht weiter." Der Autor hier, der Lindenberg, sagt so schön: "

"Denn Kant gab ihm auf seine Frage, wie das Denken wirklich an die Natur herankommt, keine befriedigende Antwort."

Also jemand, den wir, auch wenn wir 25 sind und eine gewisse schulische und vielleicht durchs Studium anerzogene Intelligenz und geistige Beweglichkeit haben, den wir nach den ersten drei Sätzen an die Wand pfeffern, weil wir es nicht verstehen, weil es so wahnsinnig kompliziert ist - den liest dieser Schüler nebenbei im langweiligen Geschichtsunterricht. Und manche Seiten liest er zwanzigmal. Aber er wird es verstehen. Er hat eine tiefe Frage: Wie kann man eigentlich das Denken so klar bekommen, dass man wirklich die Wirklichkeit der Natur und die darinnen wirksame Geistigkeit, von der ich zu Anfang gesprochen habe, die im ersten Zitat kommt, wie man das wirklich verstehen kann. Und es quält ihn und treibt ihn um. Und er ist seit diesem Alter, irgendwie zwischen 14 und 16, absolut sattelfest in diesem schwierigen philosophischen Werk, von dem Kant, der ja bekanntlich ungefähr 150 Jahre vorher gelebt hat und der ja ein ganz, ganz wesentlicher Philosoph war für die Trennung des Menschen mit seinem Denken von der Welt. Der ja zu dem Schluss kommt, das Denken ist etwas, was mit der Welt vielleicht gar nichts zu tun hat. Und der Eindruck der Welt kann eine Maja sein und das, was ich darüber denke, kann ein ganz anderes sein. Also diese Trennung, die dieser Philosoph sozusagen das erste Mal so massiv formuliert, des Denkens von der Welt, die bewegt den Steiner unglaublich. Und was ich gerade eben vorgelesen habe, wie er hier sagt, völlig unkritisch zunächst nimmt, saugt er das auf.

Ingenieurs- Studium in Wien - Dazu Mathematik, Chemie, Physik, Mineralogie, Zoologie, Botanik, Biologie, Geologie und die Mechanik der Geologie. Daneben besucht er Vorlesungen der Geschichte und gleichzeitig vertieft er sich weiter in seinem Philosophie-Selbststudium 0:33:24

Noch ein Detail eben aus dieser Zeit der Schule. Er kann dann die Schule abschließen mit einer extra Auszeichnung. Und macht sozusagen ein 1,0er Abi, würden wir heute sagen, mit Auszeichnung. Und weil das so ist, kann er ein Stipendium erlangen, und zwar von der Gesellschaft, dieser Eisenbahngesellschaft, bei der der Vater angestellt ist. Dieses Stipendium ermöglicht ihm das Studium in Wien. Aber er weiß genau, das ist kurzfristig. Das geht nur, glaube ich, drei Jahre, dieses Stipendium. Und er muss sehen, dass er in der Zeit etwas studiert, mit dem er nachher auch ein Einkommen hat. Er gehört eben nicht der Gesellschaftsgruppe an, die so wahnsinnig die Möglichkeit hat, zu studieren, weil sie eben aus bürgerlichem Haus ist und so. Sondern er gehört einer ganz ärmlichen Gesellschaftsschicht an und muss sehen, wie er irgendwie über die Runden kommt. Und merkt schon, das kann nachher mit dem Studium knapp werden und so. Und entscheidet sich zunächst für ein sogenanntes Brot-Studium, ein Studium, wo man eben nicht Philosophie oder Geschichtswissenschaften oder so was studiert, sondern wo man etwas Anwendungsorientiertes studiert. Das ist zunächst eine Art Ingenieurstudium.

Es ist aber so, dass er überhaupt nicht nur das studiert, was da angeboten wird, sondern ich habe das hier aufgezählt, kleinen Moment, es ist nämlich sehr gut belegt, was er alles dann wirklich studiert, das ist nämlich eine riesige Masse. Kleinen Moment! Ich habe es vorhin schon gehabt. Er studiert Mathematik, Chemie, Physik, Mineralogie, Zoologie, Botanik, Biologie, Geologie und die Mechanik der Geologie. Daneben besucht er Vorlesungen der Geschichte und gleichzeitig vertieft er sich weiter in seinem Philosophie-Selbststudium. Und außerdem erteilt er Nachhilfeunterricht. Und er beteiligt sich an einer Lesehalle. Das kann man sich so vorstellen, da wurde immer gegenseitig studiert und referiert, was gerade aktuell ist. Und weil das Geld nicht reichte während des Studiums, hat er einen Job angenommen. Das war so, damals fing es gerade an, dass man Lexika produzierte. Das kennt ihr kaum noch, weil man heute alles googelt. Aber noch bis in die Neunzigerjahre hinein, gab es so riesige Brockhaus und sowas. Und das fing zu der Zeit gerade an, dass man sogenannte Universal-Lexika produzierte. Und da brauchte man nun viele Autoren für viele Fachgebiete. Ein Artikel über den Graphit im Bergbau. Oder über die Art, wie man Bohrlöcher/ wie man tief bohrt in der Geologie. Oder wie die neueste chemische Mischung eines bestimmten Stoffes ist und so. Und dieser ungefähr 19-, 20-, 21-jährige junge Student schreibt einfach Artikel für das Lexikon. Und die werden natürlich geprüft und die sind up-to-date, die sind gut und werden dann gedruckt. Ein Job, den er einfach macht, um ein bisschen Geld zu verdienen. Und ein weiterer Job, den er übernimmt, ist, dass er für eine Zeitung ins Parlament geht und sich lange, stundenlang Reden anhört, der Parlamentarier, um die dann in einem Artikel zusammen zu fassen. Damit die Zeitung am nächsten Tag eben schreiben kann, wie war denn diese Debatte jetzt gestern? Und dann ist er irgendwann spät in der Nacht in einem kleinen Kämmerchen irgendwo auf dem Dach, schläft ein paar Stunden. Und ist am nächsten Tag wieder in der Universität. Und da kommt nun aus einer Freundschaft ein Brief, den wir überliefert haben. Und da möchte ich eine Passage vorlesen, weil ich die sehr, sehr typisch finde für ihn überhaupt in dieser Zeit.

"Es war in der Nacht vom zehnten auf den elften Januar 1880", also 19-jährig, "in der ich keinen Augenblick schlief. Ich hatte mich bis halb eins Uhr mitternachts mit einzelnen philosophischen Problemen beschäftigt. Und da warf ich mich endlich auf mein Lager. Mein Bestreben war voriges Jahr, zu erforschen, ob es denn wahr wäre, was Schelling sagt." Zitat Schelling: "Uns allen wohnt ein geheimes, wunderbares Vermögen bei, uns aus dem Wechsel der Zeit in unser Innerstes von allem, was von außen hinzu kam, entkleidetes Selbst zurückzuziehen und da unter der Form der Unwandelbarkeit das Ewige in uns anzuschauen." Zitat zu Ende. "Ich glaube und glaube nun noch, jenes inneres Vermögen ganz klar in mir entdeckt zu haben. Geahnt habe ich es ja schon länger. Die ganze idealistische Philosophie steht nun in einer wesentlich modifizierten Gestalt vor mir. Was ist eine schlaflose Nacht gegen solch einen Fund?"

Das schreibt er einem Freund, mit 20. Also ich entdecke etwas, was ich in der Philosophie schon irgendwie sozusagen abstrakt wie von außen gelesen habe. Da gibt es wie einen innersten Kern, der, ja, wie unverrückbar ist in jeder Individualität. Und der wird mir plötzlich so deutlich. Und darüber schreibt er dann, das ist wie etwas, ja, was gibt es Schöneres, als so etwas zu finden? Das ist dieser Mensch, in diesem Alter, auf so einem Niveau oder in solchen Verhältnissen denkend und fühlend. Ja, ich gehe zum Nächsten weiter.

Begegnung mit einem Kräutersammler: Er trug auf dem Rücken sein Bündel Heilkräuter, aber in seinem Herzen trug er die Ergebnisse, die er aus der Geistigkeit der Natur bei seinem Sammeln gewonnen hatte 0:40:10

Er kommt jetzt anderthalb Jahre später zu einer ganz außergewöhnlichen Begebenheit, die auch für uns hier im Zusammenhang mit der Landwirtschaft von Bedeutung ist. Es ist so, dass er nach Wien oft fährt mit diesem Zug, weil er eben durch diese Eisenbahngesellschaft das umsonst tun kann. Und eben dann auch nach Hause kommen kann und den Eltern helfen kann und so. Und bei diesen Zugfahrten lernt er nun jemand kennen. Und dieser Mann heißt Felix Koguzki und ist bestimmt dreißig, vierzig Jahre älter. Und der ist Kräutersammler. Muss man sich so vorstellen, Wien ist noch eine kleine Großstadt, aber damals eine Weltstadt. Und es gab natürlich die ganzen modernen Arzneimittel, ganze moderne Pharmazie nicht. Also Antibiotika oder so was gab es natürlich alles nicht, sondern es gab eine unglaublich ausgetüftelte und weit entwickelte Naturheilkunde. Und eine Apotheke in der Stadt stellte ihre eigenen Arzneimittel her. Und die stellte sie her aus Heilkräutern, die sie eben bekam. Und die bekam sie von Kräutersammlern, sofern es Wildkräuter war. Und dieser Mann, den er da nun kennenlernte, ist ein solcher Wildkräutersammler. Und über den schreibt er jetzt folgendes, ich zitiere wieder aus seiner eigenen Biografie, Mein Lebensgang. Habe ich vorhin nicht erwähnt. Liegt dann auch da drüben. Ist eine dicke Biografie, die nur zwei Drittel seines Lebens umfasst. Die ist nicht bis zum Ende geschrieben, aber die ersten zwei Drittel seines Lebens beschreibt er da auch selber. Und dieser Felix Koguzki spielt nun eine riesige Rolle für ihn. Und den lernt er nun kennen. Und da schreibt er folgendes:

"Wenn man mit ihm zusammen war, konnte man tiefe Blicke in die Geheimnisse der Natur tun. Er trug auf dem Rücken sein Bündel Heilkräuter, aber in seinem Herzen trug er die Ergebnisse, die er aus der Geistigkeit der Natur bei seinem Sammeln gewonnen hatte."

Er trug auf dem Rücken das Bündel Kräuter und in seinem Herzen trug er etwas von dem geistigen Zusammenhang, in dem diese Kräuter in der Natur so drinnen waren. Er ist wahnsinnig fasziniert von diesem ganz ungebildeten Mann. Und er sagt, er musste seinen geistigen Dialekt kennenlernen. Er spürt irgendwie etwas. Aber er kann sich kaum mit dem verständigen und muss erst lernen, wie er sozusagen in dieser ganz unverbildeten Natur dieses Menschen, dass dieses Geistige, was er sozusagen über die Natur in sich trägt, erschließt. Und er besucht den dann ein Mal oder ein Mal, ist es uns überliefert. Und da sagt er, das war ein wunderbarer Besuch. Und über der Tür stand drüber geschrieben: In Gottes Segen ist alles gelegen. Und der hatte keine Bücher zu Hause. Und der war tief religiös. Und gleichzeitig war er jemand, der eben etwas von dem geistig wahrnehmen konnte, was da in der Natur waltete, in der eben bestimmte Heilkräuter zu finden waren. Und dieser Mann ist nun für Rudolf Steiner sehr wichtig, weil er ihn hinweist auf eine weitere Persönlichkeit, deren Namen wir noch nicht einmal kennen, von der Steiner uns nur ganz lapidar einmal schreibt, ja, durch diesen Felix Koguzki lernte ich jemand kennen, der mir geholfen hat, das, was man als geistige Wahrnehmung hat, zu systematisieren, würden wir vielleicht heute sagen. Er spricht von der Ordnung und von dem Regulären der geistigen Wahrnehmung, dazu geholfen zu bekommen. Und auch diesen Menschen hat er wahrscheinlich nur ein Mal getroffen. An einer anderen Stelle spricht er dann davon, ja, der Meister. Also jemand, der ihm offensichtlich Strukturen vermitteln konnte, in denen das, was er wahrnimmt, irgendwie zu ordnen ist. So kann man es vielleicht heute sagen. Und dieser Felix Koguzki, der wird viel später in einem Drama von ihm, einem Mysterien-Drama, da wird eine Figur entwickelt, die dem sozusagen abgeguckt ist oder wo er versucht, das in eine künstlerische Form zu bringen. Es gibt eine wunderschöne kleine Biografie über diesen Felix Koguzki. Und die liegt da drüben auch. Kann man sich auch anschauen.

Erste heilpädagogische Erfahrung: Spielend lernen 0:46:01

Ja, ein weiteres aus dieser ersten Phase ist nun ein Brief, den ich gerne vorlesen möchte. Nein, erst noch was anderes. Entschuldigung! Und zwar, das haben wir vielleicht schon so ein bisschen jetzt rausgekriegt, er hat eine besondere Kindheit, keine anderen Gleichalten. Die Geschwister sind sehr viel jünger. Er hat eigentlich diese wahnsinnig ärmlichen Verhältnisse, er hat nie richtig spielen können. Und das schildert er auch. Und nun kommt er in die wunderbare Situation, dass er gefragt wird oder es wird gesucht in einer reichen Wiener Familie, einer jüdischen Familie, der Vater ist Stoffhändler. Da wird für die Frau und vor allem für die vier Jungs, wird eine Art Nachhilfelehrer gesucht. Und das hat den Hintergrund, dass da ein Kind ist, ich glaube, es ist das dritte, ein Junge, der durch eine Krankheit, ein Hydrozephalus-Kind, sehr zurückgeblieben ist und um den man sich große Sorgen machen muss, wie er überhaupt ins Leben kommt. Und um diese Stelle bewirbt sich Steiner und die bekommt er auch. Und das wird ein sehr lang anhaltendes Verhältnis und ein sehr freundschaftliches Verhältnis zu dieser Familie. Er tut mit diesem Kind unglaublich viel spielend lernen. Das führt dazu, dass dieses Kind dann später regulär zur Schule gehen kann, ja, sogar die höhere Schule besuchen kann, dann das Abitur macht, dann sogar Medizin studiert. Da ist dann Steiner nicht mehr mit ihm verbunden. Und als Arzt im Ersten Weltkrieg dann stirbt. Und diese Erfahrung, dieses sich ganz besonders um dieses Kind kümmern, die beschreibt Rudolf Steiner als sehr essenziell für ihn. Ganz am Ende seines Lebens, kommen wir nachher noch dazu, geht es dann um die anthroposophische Heilpädagogik. Und er sagt einmal, ohne diese Erfahrung, diese jahrelange Arbeit in der Familie Specht, wäre das unmöglich gewesen für ihn. Und diese Zuwendung ermöglicht ihm auch, überhaupt erst kennen zu lernen, wie es sich sozusagen von innen anfühlt, gesunde kindliche Entwicklung. Auch eine typische Signatur für diese außergewöhnliche Biografie.

Herausgabe einer Gesamtausgabe von Goethes naturwissenschaftlichen Schriften 0:48:47

Jetzt kommt mit 20, 21 etwas, was ganz, ganz entscheidend ist für sein ganzes weiteres Leben. Er hat an der Uni einen Professor, den er sehr verehrt. Später sagt er, das ist sein väterlicher Freund, Karl Julius Schröer, ein Prof für deutsche Literatur. Und dieser Mann ist so ein richtiger, gut Gebildeter, eine Autorität, sagen wir mal, in der deutschen Kultur. Und der hat den Auftrag, eine Goethe-Gesamtausgabe zu machen. Goethe war damals ungefähr 40 Jahre verstorben und es war vieles von ihm veröffentlicht, aber es gab eben keine Gesamtausgabe. Und Karl Julius Schröer weiß, dass er eben Literat ist und sich mit Literatur unglaublich gut auskennt und so. Aber dass er von Naturwissenschaft keine Ahnung hat. Und er weiß, dass Goethe viele verschiedene naturwissenschaftliche Tätigkeiten, Bemühungen und Arbeiten vollzogen hat. Goethe war ja ein Geologe, ein Botaniker erster Ordnung, also man muss sich nur vorstellen, sein ganzes Leben lang hat er sich für die Gesteinswelt interessiert. Und als er gestorben ist, hat er 30.000 Gesteinsproben hinterlassen. Und einen großen Teil davon hatte er nah um sich herum, sodass er immer mal wieder hingehen konnte und gucken konnte, ah, so sah das dort und dort aus, was ich vor 15 Jahren gefunden habe oder mitgenommen habe. Also jemand, der sich unglaublich auskannte in dem, wie die Gesteinswelt erscheint. Und der dann ja mit seinen geologischen Einsichten dazu beigetragen hat, dass die heutigen geologischen Karten zum Beispiel die rote Farbe haben für den Granit. Das haben wir Goethe zu verdanken, Goethes mineralogischem Interesse. Und dieser Schröer nun, vierzig Jahre nach Goethes Tod, kapiert, ich kriege da bei eine Gesamtausgabe Goethe das mit der Naturwissenschaft nicht hin. Ich brauche da jemand. Und jetzt hat er den Mut, einen 21-jährigen Studenten zu fragen, ob der das machen kann. Eigentlich total ungewöhnlich. Ein Professor in den Fünfzigern, eine Weltklasse-Ausgabe. Da war sicher auch Geld genug da, um sich irgendjemand anderes zu suchen. Es war nicht das Geld der Grund. Sondern dieser Professor hat diesen Studenten erkannt und hat gemerkt, der hat wirklich was drauf, der könnte das. Und davon möchte ich kurz hier auch wieder eine Originalquelle vorlesen.

"Meine Darstellungen von Goethes Ideen waren ein jahrelang dauerndes Ringen. Goethe durch die Hilfe der eigenen Gedanken immer besser zu verstehen, also Goethe durch Goethes Gedanken. Indem ich auf dieses Ringen zurückblicke, muss ich mir sagen, ich verdanke ihm viel für die Entwicklung meiner geistigen Erkenntnis-Erlebnisse. Diese Entwicklung ging dadurch viel langsamer vor sich, als es der Fall gewesen wäre, wenn sich die Goethe-Aufgabe nicht schicksalsgemäß auf meinem Lebensgang hineingestellt hätte. Ich hätte dann meine geistigen Erlebnisse verfolgt und sie ebenso dargestellt, wie sie vor mich hin getreten wären. Ich wäre schneller in die geistige Welt hineingerissen worden. Ich hätte aber keine Veranlassung gefunden, ringend unterzutauchen in das eigene Innere."

Hoppla, was erzählt denn da jemand von einer ordentlichen Herausgeberschaft, von einem naturwissenschaftlichen Teil eines großen Genies? Herausgeberschaft. Wisst ihr, was das ist? Das ist mühsamste Kleinst-Kleinstarbeit. In einem Brief, wird eine Idee, ein Zitat. Wo kommt das her? Aha! Da ist das das erste Mal beschrieben. Gibt es das vorher schon? Der bezieht sich auf den. Aha! Das muss ich nachweisen. Fußnote zu diesem Brief. Die nächste Geschichte. Ach, da kommt noch was in diesem Brief! Eine unglaublich mühsame Kleinst-Kleinstarbeit, die dieser Student da macht. Und er ist wirklich in der Lage, innerhalb von einem halben Jahr einen 500-Seiten-Band zum Druck zu geben. Der erste von sechs Bänden. Und die Fachwelt schreit: Juhu, wow! Das ist sehr ordentlich gemacht. Das eröffnet uns noch ganz andere... Da lernen wir Quellen und Sachen kennen, die wir von Goethe gar nicht gewohnt sind. Und jetzt scheint irgendwie eine Laufbahn vorgezeichnet. Das könnte ein Wissenschaftler werden, der auch bald vielleicht Professor werden kann. Mit sowas ist man doch irgendwie als ganz junger Kerl ein gemachter Mann.

Und nun kommt wieder etwas, was ich euch vorlesen möchte, was direkt damit zusammenhängt, was eben noch mal mit diesem Problem der Zeit zu tun hat. Kleinen Moment, ich muss es erst finden. Es schreibt ihm Herr Kürschner. Und Herr Kürschner ist derjenige Verleger dieser Goethe-Gesamtausgabe.

"Sehr geehrter Herr, Sie werden wohl unschwer erraten, was mir heute wieder die Feder in die Hand zwingt. Zwei Jahre sind es in der nächsten Zeit, dass ich auf meine wiederholten Mahnungen das erste Telegramm von Ihnen erhielt: Manuskript folgt bestimmt Sonnabend. Es sind seither 87 Wochen vergangen und mindestens vier ganz gleichlautende Telegramme auf meine Mahnungen an mich gekommen. Von dem letzten Band der naturwissenschaftlichen Schriften aber noch kein einziges Blatt Manuskript."

Ein Mensch, der ganz offensichtlich Probleme hat, seine Dinge irgendwie zeitlich auf die Reihe zu kriegen. Und solche Briefe gibt es zahlreiche. Dieser Mann überfordert sich gnadenlos. Und während er diese Goethe-Arbeit endlich irgendwann zu Ende kriegen will, macht er nebenbei andere Herausgeberschaften, ganze sechsbändige Ausgaben von berühmten Schriftstellern und alles mögliche andere. Und ist immer im Konflikt mit diesem Zeitmaß, nicht? Also man muss sich das wirklich vorstellen. Ich schicke ein Telegramm weg, ein Telegramm, nicht einen Brief. Ich kriege einen Brief: Also schreiben Sie doch endlich mal fertig! Dann schickt man ein Telegramm an den Verleger und sagt: Ja, kommt sofort am Samstag. Und dann sind es zwei Jahre. Das muss man wirklich sich auf der Zunge zergehen lassen. Wir müssen mal das Fenster aufmachen. Ich glaube, ihr seid ein bisschen unterlüftet. Also diese Verzögerung. Und jetzt muss ich noch von dieser ersten Zeit  ein paar Sachen noch erzählen, die sehr wichtig sind.

Geselliges Leben in Wien: Sein erstes philosophisches Werk entsteht in einem Café 0:56:42

Er lernt jetzt mit 23, 24 überhaupt so richtig den Genuss am gesellschaftlichen Leben kennen. Vorher hat er eigentlich in armseligen Verhältnissen, sehr ehrgeizig und sehr mit seiner Innenwelt, so wie ich das versucht habe zu beschreiben, beschäftigt, gelebt. Und jetzt interessiert ihn eigentlich das Gesellschaftliche. Und er liebt das so, das ist auch ein bisschen typisch für Steiner, das Exzessive. Also was wir jetzt bei der Verzögerung so hatten, das tritt da auf bei dem Lieben der Gesellschaftstätigkeit oder das Leben in der Gesellschaft, im Austausch mit anderen. Das gipfelt darin, dass er am Ende seines Studiums für zwei bis drei Jahre eigentlich in einem Café wohnt. Er lässt sich sogar die Post dahin schicken. Und sein erstes großes, schwieriges philosophisches Werk entsteht in einem Café. Er hat gar keine eigene Wohnung, kein eigenes, irgendwo ein Zimmer, ein unbeheiztes Zimmer. Das macht ihm gar nichts. Der ganze Lärm, er liebt das, mitten in diesem Café in einer Ecke ein Tischchen zu haben, wo die Leute sich mit da hingesetzt haben und so weiter. Also auf einmal ist dieser Mann, in dem Café Griensteidl, da gibt es auch ein Bild, kann man sich auch da drüben angucken, wie zu Hause in dem gesellschaftlichen Leben und genießt das in Wien. Ist bekannt mit allen möglichen Künstlern, auch sehr schrägen Typen. Und tauscht sich aus. Und er schwimmt sozusagen plötzlich in diesem gesellschaftlichen Leben. Immer arm, immer wahnsinnig überlastet, macht viel zu viel und immer hinter der Zeit der Aufgaben, die er eigentlich versprochen hat.

Umzug nach Weimar: Zusammenfassung der Weltanschauung Goethes - Man muss den Typus des Pflanzenseins verstehen 0:58:32

Und jetzt kommt diese Sache mit der Goethe-Herausgabe in das fünfte oder sechste Jahr. Er muss eigentlich die Sache mal irgendwie fertig kriegen. Und so kommt es, dass er nun endlich 89, also fast zehn Jahre, ja, acht Jahre nach Beginn dieser Goethe-Arbeit wird ihm deutlich, es hilft alles nichts, ich muss da nach Weimar, in das Archiv. Und das kriege ich auch nicht mit einmal Reisen. Er reist da einmal hin und arbeitet da. Und merkt dann, ich muss da sein, ich muss da wirklich alles studieren. Die letzten Bände kriege ich nur mit diesen unglaublich vielen Unterlagen da hin. Ich muss dort leben. Und das tut ihm weh, sich von Wien - endlich ist er sozusagen in einer Welt zu Hause - davon zu trennen, um dann nach Weimar zu ziehen. Und dieser Umzug, der passiert dann, ja, 89/90. Und dieser Umzug ist schmerzlich für ihn. Und dem geht aber eben voraus, nicht nur in Wien die ersten Veröffentlichungen dieser Goetheschen naturwissenschaftlichen Schriften, sondern er ist jetzt auch mit sozusagen einem eigenen philosophischen Ansatz aus dieser Goethe-Arbeit, eigentlich aus diesem, was ich vorhin vorgelesen habe, den Goethe mit Goethes Gedanken verstehen lernen, beschäftigt. Und bringt dann ein Buch hervor. Ich will gerade den Originaltitel, dass ich es nicht falsch/ Sekunde. Ja, schade, ich habe es hier grad nicht ordentlich. Also ich muss es auswendig.

Grundlinien einer Goetheschen Weltanschauung mit besonderer Berücksichtigung von Schiller 1:00:58

Er versucht also, die Weltanschauung Goethes zusammenzufassen. Und es klingt so, als würde es eine reine rezipierende Arbeit sein, die jetzt nur diesen Goethe-Geist fasst. Das ist aber gar nicht der Fall. Und für jeden, der mit Landwirtschaft und Anthroposophie zu tun hat, ist es ein äußerst lesenswertes Büchlein. Und besonders schön ist darin in dem hintersten Kapitel etwas, wo er einen Wissenschaftsbegriff versucht zu fassen, wie kann man eigentlich Erkenntnis vom Unorganischen und vom Organischen bekommen? So unterscheidet er das. Wir würden heute sagen, von den Naturwissenschaften und den Lebenswissenschaften. Und da bringt er die erste eigene wunderbare Theorie oder Formulierung, der Typus. Er sagt, wenn man das Leben verstehen will, zum Beispiel der Pflanzen, dann muss man etwas entwickeln, was nicht das Ideal ist oder der übergeordnete Begriff und auch nicht die Wahrnehmung, sondern etwas, worin alle Pflanzen sind und was aber doch nichts Konkretes ist. Man muss verstehen, der Typus des Pflanzenseins überhaupt. Und dieser Typus-Gedanke, der ist bei Goethe nicht so ausformuliert, sondern den holt er, er lässt sich wie anregen dazu, aber das ist eine seiner ersten selbstständig formulierten, originären philosophischen Erkenntnisse.

Und das Zweite ist, wenig später kommt eine eigene Dissertationsschrift: Wahrheit und Wissenschaft. Und das führt nun zu einer eigenen, selbst formulierten Erkenntnistheorie. Und das Wesentliche dieser Erkenntnistheorie, das kann man natürlich kaum so einfach zusammenfassen, aber ich fasse eins raus, was mir wesentlich erscheint, das ist diese Idee: Ich bin eigentlich ganz sicher, dass ich bin und ich bin eigentlich ganz sicher, dass etwas ist, nur in meinem Denken. Indem ich mit meinem Denken einen Begriff bilde von etwas und diesen Begriff ins Verhältnis setze zu dem, was ich wahrnehme, kann ich mich eigentlich überhaupt begründen. Und dieser schwierige Akt einer sicheren inneren Begründung, den nennt er die Grundlage einer Freiheitsphilosophie.

Die Philosophie der Freiheit - Ein zentrales Werk Steiners, um die Anthroposophie überhaupt zu verstehen 1:03:38

Und so kommt dann 93 in der Weimarer Zeit diese Philosophie der Freiheit das erste Mal heraus. Und für viele ist es völlig unverständlich, wie das mit der späteren Anthroposophie zusammenhängt. Und er betont aber auch später immer wieder, auch noch vierzig Jahre später, ein zentrales Werk, um überhaupt die Anthroposophie zu verstehen. Und so muss man eigentlich jedem von euch sagen: Studiert das mal! Das ist spannend. Das ist sauanstrengend. Das muss man zu zweit oder zu dritt machen. Aber da kann man innere Erlebnisse haben, die völlig neutral und völlig, ja, auch ohne sozusagen das, was die Anthroposophie dann alles bringt, ist, sondern die man wirklich aus dem klaren Bedenken entwickelt, entwickeln kann. Und die einen führen zu einem sicheren Erkennen auch von nicht Sinnlichem.

Steiner ist dann 1895 immer noch in Weimar, lernt eine Frau kennen, die Witwe ist und die vier Kinder hat und genießt es, bei ihr einzuziehen und sich mit ihr zu verbinden, auch ihr zu helfen mit den Kindern. Ist froh sozusagen, irgendwo in einem Haushalt zu sein. Und liebt diese Frau, heiratet sie später dann auch. Trennt sich aber ungefähr zehn, zwölf Jahre später. Sie geht auch ganz andere Wege. Und sie stirbt auch lange vor ihm. Das gehört auch zu dieser Weimarer Zeit. Ja. Jetzt muss ich mal gucken. Das Letzte vor der Pause. Ja, das wollte ich euch zeigen. Das war jetzt alles sehr ernst, was ich erzählt habe. Und so ernst ist Steiner nicht. Das ist so schwierig, den Humor zu fassen. Und vielleicht gelingt mir das ein bisschen hiermit.

Rudolf Steiner füllt einen Fragebogen aus - Besuch bei Nietzsche 1:05:43

Ein Fragebogen, den er ausfüllt 92, in der Weimarer Zeit. Und dieser Fragebogen, damals war das so ein Spiel. Und ich lese den einfach mal vor.

-Da konnte man oben ein Motto schreiben. Und da schreibt er: An Gottes Stelle der freie Mensch!!! Das ist sein Motto.

-Und dann kommt als erstes die nächste Frage: Deine Lieblingseigenschaft am Manne: Energie. Deine Lieblingseigenschaft am Weibe: Schönheit.

-Deine Lieblingsbeschäftigung? Und jetzt, das ist ein Goethe-Zitat: Sinnen und Minnen. Das ist eine ganz tolle Sache. Goethe hat ja das gepflegt, dass er die Dinge besonnen hat und regelrecht innerlich geliebt hat. Dieses sich zurückziehen und in so einem Inneren bearbeiten. Da kommt dieser Begriff her. Und das wiederholt er hier gleich.

-Deine Idee vom Glück? Sinnen und Minnen.

-Welcher Beruf scheint dir der beste? Das ist jetzt interessant. Jeder, bei dem man vor Energie zugrunde gehen kann.

-Wer möchtest du wohl sein, wenn nicht du? Friedrich Nietzsche kurz vor dem Wahnsinn.

-Wo möchtest du leben? Das ist mir gleichgültig.

-Wann möchtest du gelebt haben? In Zeiten, wo etwas zu tun ist.

-Deine Idee, vom Unglück? Nichts zu tun zu wissen.

-Dein Hauptcharakter. Den weiß ich nicht.

-Deine Lieblingsschriftsteller? Nietzsche, Hartmann, Hegel - Also er beschäftigt sich gerade ganz offensichtlich in der Zeit massiv mit Nietzsche. Und er hat dann das riesige Glück, ungefähr drei Jahre, vier Jahre nach diesem, 96 oder 97 hat er die Chance, den damals dann schon umnachteten Nietzsche besuchen zu können, weil er von dessen Schwester so als Nebenjob zu dieser Goethe-Geschichte gefragt wird, ob er eine Nietzsche-Ausgabe machen möchte. Und da hat er die riesige Chance, diesen völlig abwesenden Nietzsche zu treffen. Und schildert das, wie er unglaublich gerührt ist von dieser unglaublichen Stirne und diesem wunderschönen rosa Gesicht. Wie der Nietzsche da so auf dem Sofa lag und ihn wahrnahm und doch nicht wahrnahm, völlig schwieg. Und dieser wunderschöne Schnurrbart und die noch braunen Haare. Und zwei Jahre später war Nietzsche tot. Also der schon völlig nicht mehr ansprechbare Nietzsche, den er da - das war für ihn eine ganz großes Erlebnis. Und er schreibt dann auch ein Buch. Nietzsche, ein Kämpfer gegen seine Zeit. Also er beschäftigt sich mit so etwas. Und nebenbei wird dann einfach ein Buch formuliert. Also Nietzsche kurz vor dem Wahnsinn, das wäre, wenn er jemand anders sein möchte. Wo möchtest du/ Ach, das habe ich schon.

-Dein Lieblingsmaler oder -Bildhauer? Das ist auch interessant. Michelangelo. Und das kann ich gerade nicht lesen. Rembrandt vielleicht, irgendwas mit R. Weiß ich nicht.

-Lieblingskomponist? Beethoven.

-Deine Lieblingsfarbe oder Lieblingsblume? Violette Herbstzeitlose. Da sieht man, wie verrückt er da irgendwie war, nicht? Also das hat man als Spiel gemacht.

-Lieblingsheld in der Geschichte? Das ist auch toll. Attila oder Napoleon oder Cäsar.

-Und Lieblingsheldin in der Geschichte? Katharina von Russland. Also alles ja ziemlich brutale Figuren.

-Lieblingscharakter in der Poesie? Prometheus.

-Lieblingsname? Radegunde. Das mögen die Frauen entscheiden.

-Welchen geschichtlichen Charakter kannst du nicht leiden? Die Schwachen.

-Welchen Fehler würdest du am ehesten entschuldigen? Alle, wenn ich nicht begreifen kann oder alle, die man begreifen, nicht begreifen kann. Entschuldigung! Das müsste ich nachgucken. Dauert zu lange.

-Deine unüberwindliche Abneigung? Das ist auch wichtig. Pedanterie und Ordnungssinn, unüberwindliche Abneigung. Was stößt dich so richtig ab? Pedanterie und Ordnungssinn.

-Wovor fürchtest du dich? Vor Pünktlichkeit.

-Lieblingsspeise und Lieblingstrank? Frankfurter Würstchen und Cognac und schwarzer Kaffee.

-Dein Temperament? Wandelbarkeit. So ein Spiel, nicht? Ist irgendwie halb Humor und halb Ernst. Da merkt man irgendwie was von der Person. Ja.

Jetzt noch ein kleines Dokument. Ich habe jetzt auch vieles übersprungen, weil wir einfach schon mit der Zeit so weit sind, was jetzt noch zu dieser ersten Lebensphase dazugehört. Er zieht eben dann 99 nach Berlin. Die Goethe-Sache ist endlich fertig. Und er verkehrt in Berlin mit allen möglichen verrückten Leuten und Anarchisten und Sozialisten und so weiter. Davon werde ich dann nach der Pause ein bisschen erzählen. Und in einem Buch, er schreibt immer alles Mögliche auf, hat wahnsinnig viel Zettel hinterlassen. Und in einem seiner Bücher aus dieser Zeit hat mein Freund, dieser Walter Kugler, eben diesen Zettel gefunden. Von denen gibt es viele, solche Zettel. Und da macht er einfach so eine Art Haus-Kassenbuch.

Wofür gibt er sein Geld aus? 1:11:52

Was immer knapp war. Und das ist wunderschön. Ungefähr um 1900, vielleicht 1899 oder 1900. Und da sind jetzt immer so Tage, nicht? 29.8., 30.,1.9., 2.9., 3.9., 4.9. Und dann geht das: Zigaretten 35, Kaffee 35, eine Fahrt 20, immer Pfennige. Ein Abend, die Kommenden, das wissen wir, das ist so ein Club, das waren so Philosophen, die alles Mögliche diskutiert haben, da hat er irgendwie was ausgeben 85. Dann wieder eine Fahrt, 40. Rosinen, Zigaretten, Zigaretten, Kaffeefahrt, Bettler. Das hat mich so gerührt an dieser Sache. Deshalb habe ich euch das groß kopiert und hier mitgebracht. Das finde ich so unglaublich. Dann, Anna, das ist seine Frau, sechs Mark. Da hat er irgendwie Geld gekriegt und hat er ihr weitergegeben. Zigaretten, Briefmarken, Kaffee, Zigaretten, Rosinen, Zigaretten, Kaffee, Rosinen, Fahrt. Zeche, Zeche und das kann ich grad im Moment nicht lesen. Da unten weiß ich jetzt gerade nicht. Dann wieder eine größere Summe, das sind immer die vollen, die Mark-Beträge. Anna Haushalt, sozusagen für seine Frau, Zigaretten, Kaffee, Fahrt, Fahrt, Fahrt. Und so weiter. Ja? Da guckt man doch auch eigentlich in so eine Persönlichkeit, in so Verhältnisse. Herzlichen Dank fürs Zuhören bis hierher! Wir machen jetzt 7,5 Minuten Pause, dass ihr euch einmal die Füße vertreten könnt. Und ich habe dann den schweren Vornamen nicht länger als eine Stunde noch, den zweiten Teil dieser Biografie. Bis gleich!

Transkription der Biografie von Rudolf Steiner Teil 2

Zusammenfassung aus Teil 1. In welche Richtung wird sich Rudolf Steiner ausrichten? 0:00:21

Ja, in diesem zweiten Teil von 1900 bis 1925 geht es eigentlich vor allem um die Entwicklung der Anthroposophie, der Geisteswissenschaft, wie Rudolf Steiner das immer wieder betont. Und ich möchte aber doch den ersten Teil zuvor noch einmal zusammenfassen. Wir haben eigentlich einen Menschen vor uns, der eine ganz außergewöhnliche Natur hat, seit Kindheit an. Und der eben wahnsinnig begabt ist. Und der auch in gewisser Weise viel Glück hat, indem er eben mit 21 diese für ihn eigentlich viel zu große Goethe-Aufgabe zugesprochen bekommt. Der sich daran unglaublich abarbeitet. Ich habe das auch vorgelesen, wie er das selber später einschätzt. Der dann im Alter um die 30 tätiger Philosoph wird, mit eigenen Büchern hervortritt. Ich habe nur einige genannt. Und doch ist, wenn man so die ganzen Daten durchguckt der 90er Jahre, diese Weimarer Zeit und dann auch der beginnenden Berliner Zeit. Man weiß eigentlich nicht, was will er, wo will er eigentlich hin, was strebt er eigentlich an? Er arbeitet unglaublich fleißig, wahnsinnig viel, ist immer knapp bei Kasse, interessiert sich für alles Mögliche. Aber was will er eigentlich? Wofür steht er eigentlich? Um was geht es eigentlich? Das bleibt offen. Er hat sozusagen philosophisch eine ganz klare Position erarbeitet. Aber wofür sozusagen sein Leben? Will einen Lehrstuhl haben? Will er Professor werden? Aber dann verhält er sich auch dafür nicht entsprechend. Es ist eigentlich nicht deutlich. Will er philosophischer Schriftsteller werden? Da geht er auch nicht geradlinig drauf zu. Das ist die große Frage. Und er taucht mit einem gewissen Genuss und einer ihm typischen totalen Überarbeitung in dieses Berliner Leben um 1900.

Berlin, um 1900, Schmelztiegel der Kultur, ein Ort, an dem unglaublich viele verschiedene Richtungen zusammenkommen, wo es knistert. Und da kommt nun die Bekanntschaft mit den Sozialisten Liebknecht und Rosa Luxemburg. Und wir haben ja nun gerade heute, in diesen Tagen dieses, dass wir hundert Jahre den Mord an Rosa Luxemburg eigentlich zu gedenken haben. Und das möchte ich schon auch deutlich tun. Rosa Luxemburg ist nicht nur eine Frau, die eine geniale Frau ist, die diesen Sozialismus mit auf die Welt bringt. Und dieser tollste Spruch von ihr:

Die Freiheit ist zunächst immer die Freiheit des anderen! Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht holen Steiner in die Arbeiter-Bildungsschule 0:03:39

Die Freiheit ist immer zunächst die Freiheit des anderen. Wahnsinnig, groß. Und sie ist mit Liebknecht daran beteiligt, Rudolf Steiner in die sogenannte Arbeiter-Bildungs-Schule in Berlin zu holen. Und sie ist auch von den Sozialisten die, die am längsten mit dem Steiner und am tiefsten eigentlich einen Kontakt hat. Und da gibt es einen richtigen Briefwechsel, zwei Persönlichkeiten, die sich da berühren und schätzen gegenseitig. Er kommt in diese Arbeiter-Bildungs-Schule. Und die ist nun ganz geprägt von dem Sozialismus. Man hat diese Proletarierklasse, die entwurzelte Klasse, das haben wir ein bisschen angesprochen, die aus der Landwirtschaft Herauskatapultierten und damit irgendwie jeder Verbindung entäußerten Gesellschaftsgruppe. Die zwölf Stunden am Tag arbeiten. Die so arm sind, dass sie noch nicht mal mit der Straßenbahn oder so zur Arbeit fahren können, sondern meistens eben noch eine halbe Stunde, Stunde zu ihrer Fabrik laufen. Und die entwurzelt sind. Die eigentlich nicht wissen, wo das Leben sie sozusagen weiterhin hinbringt. Die ganz in dieser Abhängigkeit sind von den Eignern der jeweiligen Firmen und die sich nun zusammenschließen, Gewerkschaftsbewegung, die verboten waren und so weiter. Und jetzt irgendwann dieser Zündfunke Bildung. Bildung, Bildung, Bildung ist das Einzige, was befreit. Und da die Geburt der Arbeiter-Bildungs-Schulen.

Steiner ist politisch nicht greifbar. Bedingung: Er möchte nicht durch eine Theorie des Sozialismus oder welcher Theorie auch immer gezwungen sein, Bestimmtes vorzubringen 0:05:26

Und die Arbeiter-Bildungs-Schulen muss man sich so vorstellen, dass nach eben so einem 11-, 12-, 13-Stunden-Tag man dann abends noch zur Schule wanderte und sich da in einen Vortrag setzte. Und das schreibt Steiner auch, das passierte schon häufiger, dass da auch der eine oder andere dann einschlief. Also es musste schon auch ein spannender Unterricht gegeben werden, wenn das gut gehen sollte. Und Steiner, es ist auch typisch für Rudolf Steiner, er wird da gefragt und er sagt eigentlich sofort ja. Aber er macht eine einzige Bedingung. Und diese Bedingung ist, er möchte nicht durch eine Theorie des Sozialismus oder welcher Theorie auch immer gezwungen sein, Bestimmtes vorzubringen. Sondern er möchte die totale Freiheit haben, alles das vorzubringen, was er für richtig hält. Und erstaunlicherweise stimmen die zu. Weil der Steiner ist politisch nicht greifbar. Er ist auf der einen Seite mit den Anarchisten verbunden, trifft sich einmal in der Woche mit denen in einer bestimmten Kneipe. Da heißt der Tisch, an dem sie sich sammeln, der hat schon so ein Schild, der heißt Verbrecher-Tisch. Also da ist er wirklich mit Leuten zusammen, die sozusagen ganz knallhart an der Grenze der Legalität operieren. Und auf der anderen Seite ist er auch mit sehr gediegenen Kräften in der politischen und vor allem gesellschaftlich-kulturellen-künstlerischen Welt unterwegs. Und man kann ihn auch politisch nicht einordnen und fassen. Und dennoch haben die diese Idee, den da zu engagieren.

Und er macht das wahnsinnig gerne und wahnsinnig liebevoll. Und es ist uns ein wunderschöner Bericht überliefert aus dieser Zeit. Er fängt das an, ich glaube, mit einem Geschichtsunterricht. Und binnen kurzem unterrichtet er ganz verschiedene Fächer. Und das macht er fast zehn Jahre lang. Und da gibt es nun einen Bericht. Und zwar ist ja der Tag der Arbeit, der 1. Mai natürlich ein sehr wichtiger für so eine Bewegung. Und da kann man nun einen Ausflug machen. Es ist eben Frühling und man zieht raus und macht einen Ausflug. Und da haben wir nun einen wunderschönen Bericht.

"Dann lagerten wir im Walde im hohen Grase bis zur hereinbrechenden Dunkelheit. Die Mitglieder des jüdischen Arbeiterbundes für Polen und Litauen, die sich in allen Unternehmungen beteiligten und trotz ihrer unbedingten Einstellung zu den marxistischen Lehren zu den treuesten Anhängern Steiners gehörten, führten uns ihre heimatlichen Tänze vor und sangen ihre etwas schwermütigen revolutionären Lieder aus den Kämpfen gegen das zaristische Russland. "Unsterbliche Opfer - ihr sanket dahin". Oder das aufrührerische "Auf die Barrikaden, ihr Arbeitervolk!" Einmal lockte ihr Gesang zwei Gendarmen an, die uns aber unbehelligt ließen, da die uns geläufigen Übersetzungen nicht weiter bekannt waren. Steiner lagerte dann mitten unter uns. Wir unterhielten uns. Und wir fragten ihn aus über Bücher und Theater, über alte und neue und neueste Literatur. Es mochten die griechischen Dichter und Philosophen sein, Ägypter, Chinesen, Inder, die Weisheiten des Konfuzius und des Laotse. Oder der im Pergamonmuseum aufgebaute Altar aus Kleinasien. Émile Zola oder Stefan George. Er erklärte uns die Blüten im Grase, die Farnkräuter, die herumschwirrenden Insekten. Als wir glaubten, eine Raupe des Tagpfauenauges gefunden zu haben, konnte er uns sagen, dass es die eines Ligusterschwärmers sei. Und er gab uns eine genaue Beschreibung der beiden mit all ihren Farben und Zeichen. Steiner kam uns vor wie ein Silo, bis oben gefüllt mit dem Wissen der Welt."

Eintritt in die Welt der Adeligen und Reichen 0:09:57

Ja, so viel vielleicht bis zu diesem Punkt 1900. Und jetzt passiert etwas ganz Wichtiges für ihn. Im September 1900 wird er eingeladen von einer Gruppe, mit der er normalerweise überhaupt nicht verkehrt, mit der er gar keine Beziehung hat. Und die kann ich ein bisschen schildern, weil ich selber, meine Großmutter aus solchen Verhältnissen stammt und mir viel davon erzählt hat - adlige, reiche, wohlhabende Menschen, die auch nicht sozusagen täglich einem handwerklichen oder kräftezehrenden Beruf nachgehen mussten. Adlige, die ein Stadtschloss besaßen in Berlin. Adlige, die die Kultur pflegten, die viele Sprachen konnten, die up to date sein wollten in der Literatur. Adlige, die die Musik pflegten, die einen großen Salon hatten, die einen Flügel hatten, in die abends der Diener mit dem Livrée und dem Handtuch mit dem Fruchtkorb hineingefahren kam. Eine Welt, die Steiner völlig unbekannt war. Und da gibt es nun solche Leute, die einer spirituellen Richtung im Indischen, Richtung der Theosophie angehören und die irgendwie gehört haben, dieser Mann hat was Interessantes über Nietzsche zu erzählen.

Es war ein wichtiges Erlebnis für mich, in Worten, die aus der Geistwelt heraus geprägt waren, sprechen zu können 0:11:24

Und sie laden ihn ein, ein Vortrag in dieser Teegesellschaft. Nicht? Man trifft sich nicht abends, sondern man hat auch Zeit am Nachmittag. Man kann auch nachmittags um vier eine Teegesellschaft pflegen. Und zu so einer Teegesellschaft lädt man sich doch interessante Leute ein. Und so lädt man sich diesen Philosophen ein, diesem schrägen, bunten Hund. Und lässt sich vortragen über Nietzsche. Und da möchte ich euch nun vorlesen, wie Steiner selber diese Sache beschreibt.

"Es war dies die Zeit, in der ich durch Gräfin und Graf Brockdorff aufgefordert wurde, an einer ihrer allwöchentlichen Veranstaltungen einen Vortrag zu halten. Bei diesen Veranstaltungen kamen Besucher aus allen Kreisen zusammen. Die Vorträge, die gehalten wurden, gehörten allen Gebieten des Lebens und der Erkenntnis an. Ich wusste von alledem nichts. Bis ich zu einem Vortrag eingeladen wurde. Kannte auch die Brockdorffs nicht, sondern hörte von ihnen zum ersten Mal. Als Thema schlug man mir eine Ausführung über Nietzsche vor. Diesen Vortrag hielt ich. Nun bemerkte ich, dass innerhalb der Zuhörerschaft Persönlichkeiten mit großem Interesse für die Geistwelt waren. Ich schlug daher, als man mich aufforderte, einen zweiten Vortrag zu halten, das Thema vor: Goethes geheime Offenbarung. Und in diesem Vortrag wurde ich in Anknüpfung an das Märchen von Goethe ganz esoterisch. Es war ein wichtiges Erlebnis für mich, in Worten, die aus der Geistwelt heraus geprägt waren, sprechen zu können. Nachdem ich bisher in meiner Berliner Zeit durch die Verhältnisse gezwungen war, das Geistige nur durch meine Darstellung durchleuchten zu lassen."

Das ist der entscheidende Wendepunkt, mit 39. Dieser Philosoph, wo man nicht weiß, wo er eigentlich hingehört, was er eigentlich will, der alles mögliche macht, der in verschiedensten Gruppierungen unterwegs ist, der eine Zeitschrift herausgibt - die Deutschen Dramatischen Blätter für die Bühnen - wo also alle zwei Wochen Bücher und neue Schauspiele, Theaterstücke besprochen werden usw. Der erlebt in dieser adligen, in dieser, ja, ein bisschen Upperclass -mäßigen Veranstaltung: Das sind Menschen, die würden das verstehen, was ich eigentlich immer nicht ausdrücken kann. Und das ist für ihn ein Schlüssel. Und jetzt kommen da nach diesem Vortrag über das Goethesche Märchen sofort Leute, Frauen vor allem, die dann für 25 Jahre für ihn entscheidend werden. Und es hört sofort gar nicht mehr auf.

Das Interesse dieser sehr gebildeten, relativ freien, aber auch konservativen Menschen an einem Spirituellen ermöglicht es Steiner, mehr und mehr Vorträge zu halten 0:14:29

Aus dem ersten Vortrag über Nietzsche kommt dieser zweite, und nach dem zweiten bittet man ihn gleich um eine Serie von 30 Vorträgen, den ganzen Winter durch. Die Leute spüren sofort, da ist etwas, was eine unglaubliche Substanz ist, die bisher gar nicht erschlossen ist. Und da kommt von beiden Seiten etwas zusammen. Da kommt eben das Interesse dieser, ja, sehr gebildeten, relativ freien, aber auch konservativen Menschen nach einem Spirituellen. Und es kommt für ihn die Möglichkeit, endlich das aussprechen zu können, was in seiner Seele scheinbar schon lange lebt und er es bisher nicht für aussprechbar bisher hielt.

Vorträge vor der Theosophischen Gesellschaft. Gründung und Aufbau der Deutschen Theosophischen Gesellschaft 0:15:14

Und so ist nach einem halben Jahr, arbeitet er bereits die, sagen wir mal, Wintervorträge dieser Theosophischen Gesellschaft auf. Und ein knappes Jahr später erscheint bereits diese erste Vorlesungsreihe als Buch. Und das geht die nächsten Jahre so fort. Er behält zwar noch den Kontakt zu all den anderen Clubs und Vereinigungen, in denen er da so verwurschtelt ist. Aber zunehmend legt er sozusagen sein ganzes Gewicht auf diese Darstellung einer geistigen Welt in in diesen theosophischen Kreisen. Und nach kurzem, nach zwei Jahren ist es so weit, dass die ihm sagen, ja, also wir sind ja so eine Vereinigung einer indischen Weisheitslehre und die gibt es noch in England und in den Niederlanden und in den USA. Aber wir wollen eigentlich in Deutschland auch eine Landesgesellschaft begründen. Und da gibt es auch ein paar kleine Interessengruppen in Hannover und Hamburg und so. Und die kamen dann auch, diese Mitglieder aus diesen anderen Städten, ab und zu. Und dann reiste er auch schon mal dahin. Und dann kommt eben diese Bitte: Können Sie nicht als Generalsekretär diese Theosophische Gesellschaft jetzt mit uns zusammen begründen, als Deutsche Theosophische Gesellschaft? Und das dann eigentlich zu ihrem Hauptengagement, zu ihrem Hauptarbeitsfeld machen? Und Steiner ist daran interessiert, obwohl er noch zehn Jahre vorher sehr abfällig über die Theosophen geschrieben hat: hinterwäldlerisch, zurück, rückwärts orientiert und so. Und man versteht das eigentlich nicht.

Die Deutsche Theosophische Gesellschaft hat 1905 bereits 12.000 Mitglieder. Zusammenarbeit mit Marie von Sivers 0:17:13

Und dann kommt aber eben wieder dieser typische Nachsatz oder diese typische Einschränkung, wie auch bei der Arbeiter-Bildungs-Schule: Ja, ich mache das. Aber ich mache das nur, wenn ich hier nach meinen Gesichtspunkten unterrichten darf. Ich werde mich nicht einer theosophischen Weltauffassung irgendwie beugen, die irgendwie unlogisch ist oder irgendwelche Dogmen enthält, sondern ich werde aus dem, was ich wahrnehme, berichten und sonst nichts. Und das machen die. Und diese Gesellschaft wird dann innerhalb weniger Jahre riesig. Also da sind schon 1905 12.000 Mitglieder in Deutschland. Und er hat mehrere solcher Vortragszyklen zusammengefasst zu kleinen Schriften. Und er ist eigentlich nonstop unterwegs für diese Gesellschaft mittlerweile. Und er schreibt ständig eine Zeitschrift für diese Gesellschaft und er hat eine, ja, wie kann man das sagen, Freundin, Kollegin, mit der er diese Arbeit zusammen tut. Eine Adlige, eine Halbrussin, halb deutsch, halb Russin, Maria von Sivers, die mit ihm diese Arbeit zusammen macht.

Und er schildert eigentlich diesen Mitgliedern, die vermehrt eigentlich schon dieser eher konservativen und eher reichen Gesellschaftsschicht angehören, schildert er eben die spirituellen Hintergründe des Altertums, der Philosophiegeschichte, der Menschheitsgeschichte, überhaupt die spirituellen Untergründe des Menschenwesens überhaupt. Und ihr studiert ja im Moment ein bisschen da an der Theosophie, beziehungsweise das kommt jetzt. Und da werdet ihr auch so ein zusammengeschriebenes, sehr verdichtetes Stück dieser ersten Darstellung der Anthroposophie da lesen. Und jetzt bemühen sich diese Mitglieder, dass er nicht nur der Generalsekretär da der Deutschen Gesellschaft ist, sondern dass er auch auf die internationalen Kongresse geht, der theosophischen Bewegung, nach London.

Reiche Vortragstätigkeit - Esoterisch-meditative Unterweisung - erste Brüche mit der Theosophischen Gesellschaft 0:19:42

Und das tut er dann auch. Und da merkt man dann schon in dem, wie er darüber schreibt und in dem auch, wie er darüber zu Hause oder in den Vorträgen berichtet und so, dass das brüchig ist, dass das wohl nicht lange gut gehen wird. Dass eben da doch viele Dogmen gepflegt werden. Und dass das über kurz oder lang eben zu einem Crash führen wird. Jetzt will ich vielleicht doch noch mit ein paar Worten diese Gesellschaft und seine Arbeit da beschreiben. Man muss sich also vorstellen - vielleicht dreißig, vierzig sogenannte Zweige der Theosophischen Gesellschaft in Deutschland, als eine Landesgruppierung dieser Gesellschaft. Und in der Regel ist er in diesen Zweigen zum Teil zweimal, zum Teil drei- oder viermal im Jahr. Und er organisiert sich so, dass er in Berlin zwar lebt und auch diese Zeitschrift herausgibt und die meisten Vorträge hält, aber zwischendurch immer unterwegs ist, um eben Vorträge in diesen Zweigen dieser Gesellschaft zu halten. Und oft verläuft das so, dass er zunächst einen öffentlichen Vortrag hält. Das tut dieser jeweilige Zweig, diese vielleicht fünfzig, achtzig, hundertzwanzig Menschen, die da so in einer Stadt Mitglieder dieser Gesellschaft sind, die mieten einen großen öffentlichen Saal und er bestimmt ein Thema. Und dann spricht er öffentlich darüber. Dann gibt es vielleicht am Nachmittag vorher oder am nächsten Vormittag oder wie auch immer einen sogenannten Zweigvortrag. Und nun beginnt ungefähr ab 1905, 1906 noch ein drittes Element. Und das ist sehr schwer zu fassen. Auch davon gibt es relativ viel Mitschriften. Das kann man vielleicht so beschreiben, eine Art esoterisch-meditative Unterweisung. Das werden auch die Inhalte der Anthroposophie eigentlich schon dargestellt. Aber sie haben viel mehr den Charakter, wie man die auch, sagen wir mal, in ein eigenes inneres, ja, pflegendes, meditatives Bewusstsein nimmt. Und das sind dann wenige Mitglieder. Und meistens ist das dann in einem kleinen, extra dafür dekorierten und hergerichteten Raum.

Diese drei Elemente, die zeichnen eigentlich dann diese Jahre aus, diese Nullerjahre. Dass er da eigentlich ständig unterwegs ist, gleichzeitig schreibt, was er da eigentlich vorbringt, noch mal in verdichteter Form. Und eigentlich, dass der ganze Kosmos des Menschenwesens und der Weltauffassung aus einer geistigen Sicht zur Darstellung kommt. Gleichzeitig kann man von heute aus bemerken, wie er darum ringt, diesen theosophischen Mitgliedern deutlich zu machen, dass es etwas zu tun gibt in der Welt. Am deutlichsten wird das sozusagen 1905 schon an einem wunderschönen Vortrag, den es sich sehr zu lesen lohnt: Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkt der Geisteswissenschaft. Er sagt eigentlich da das alles, was ich euch in vielen, vielen Vorträgen und Büchern und Artikeln und so bringe, das könnt ihr konkret in Bezug auf Erziehung und Schule zu Anwendung bringen. Das kann sozusagen eine bessere Pädagogik ermöglichen, wenn man nicht immer aufs Klein-klein guckt, sondern wenn man den großen Zusammenhang des Menschenwesens anschaut. Und es interessiert kein Schwein in dieser Theosophischen Gesellschaft!

Ita Wegmann haben wir die anthroposophische Medizin zu verdanken 0:23:41

Ungefähr parallel spricht er über medizinische Fragen und packt es wunderbar ein, spricht wunderbare Ausführungen über Paracelsus. Manches von den Dingen, die er dann dort erzählt in den Vorträgen, das ist dann erst fünfzig Jahre später so richtig wissenschaftlich ausgegraben worden. Man staunt manchmal. Er war eben sehr, sehr belesen. Aber er hat dann doch auch an manchen Stellen wirklich sein inneres Auge walten lassen und schildert Dinge, die dann erst später bekannt werden. Theosophie, Medizin. Und eigentlich will er den dort anwesenden Ärzten sagen: Kommt, lasst uns zusammen eine konkrete praktische Medizin entwickeln. Man kann was machen. Interessiert kein Schwein von den Medizinern.

Die Einzige, die das interessiert, die schon 1902 in Berlin auftaucht, ist eine Holländerin. Damals glaube ich noch nicht mal 20, 19, 18. Eine ganz wunderschöne, hübsche junge Frau, die so eine, ja, wir würden heute vielleicht sagen Physiotherapie-Ausbildung hat und die wahnsinnig interessiert ist an Medizin. Und die irgendwie kapiert, dieser Mann, mit dem könnte man etwas entwickeln, was eine neue Medizin mal werden kann. Und er verständigt sich mit ihr. Sie kommt auf ihn zu und sie verständigen sich. Und sie fasst daraufhin den Entschluss, Medizin zu studieren. Und das geht als Frau 1903 oder 1904 nur in der Schweiz, in Zürich. Und das macht sie. Ita Wegman, der Frau, der wir eigentlich dann die anthroposophische Medizin zu verdanken haben. Die Einzige. Den ganzen anderen großen theosophischen, interessierten, spirituell interessierten Ärzten, da fällt das nicht auf wirklich fruchtbaren Boden. Und man merkt eigentlich zunehmend, wie er darunter leidet, 1905, 1908, 1909, dass es da irgendwie um die 50.000 Menschen mittlerweile gibt im ganzen deutschsprachigen Raum, bis nach Norditalien, bis in die Schweiz, bis nach Österreich, bis in die Niederlande, die alle wahnsinnig interessiert sind an dieser spirituellen Seite der Welt, die wahnsinnig interessiert sind an ihrer eigenen spirituellen Entwicklung unter Zuhilfenahme von eben Meditationsanleitungen. Es erscheint dieses Büchlein, was wir heute kennen: Wie erlangt man Erkenntnis der höheren Welten, als Aufsatzfolge in der Zeitschrift der Theosophen. Da ist ein reges Leben, ein großes Interesse.

Die Mysterienspiele: Ein Format, eine Art und Weise, diese spirituellen Inhalte auf die Bühne zu bringen 0:26:27

Aber der Motor, der Mann, der das alles auf die Welt bringt und voranbringt, macht eigentlich zunehmend den Eindruck, als wollte er mehr. Und die verstehen, merken das gar nicht. Und später beschreibt er das dann so, dass er sagt: Ja, es war eigentlich durch die Kunst dann möglich, einen Schritt weiter zu gehen. Und zwar insbesondere durch das Drama, durch das Theater. Und findet eigentlich ein Format, eine Art und Weise, diese Inhalte, diese spirituellen Inhalte auf die Bühne zu bringen, die sogenannten Mysterienspiele. Es hat ein bisschen etwas zu tun auch mit Wagner. Wagner hat ja auch den Parsifal gemacht und nennt es ein Bühnenweihespiel. Hat die Parsifal-Legende umgebaut. Aber auch mit ganz anderen Quellen noch. Und ist vor allem auch eine sehr eigene Sache. Es hängt auch zusammen mit einem Franzosen, den er sehr schätzt und mit dem er sehr im Austausch ist. Den er öfters besucht, der im Elsass lebt, Édouard Schuré, ein deutsch-französischer Schriftsteller, der auch esoterische Texte verfasst und dessen erstes Theaterstück sogar den Anfang macht. Sodass er 1907 in einer Art Sommerspiel in München mit diesen Theosophen zusammen ein solches Stück einübt. Da wird ein Theater, was im Sommer geschlossen ist, gemietet, und es wird so mit Tüchern und Dekoration innen verwandelt. Und da werden Bilder und Siegel aufgehängt und da wird geübt. Und er schreibt eigentlich den theosophischen Interessierten, die da mitspielen, nachts sozusagen die Rolle auf den Leib. Und am nächsten Morgen kriegen sie es als Schriftstück. Und dann wird die nächste Szene geprobt. Und so entsteht innerhalb von zwei, drei Wochen so ein Stück. Und das wird dann aufgeführt, ein, zweimal. Und da kommen dann ganz viele Theosophen aus ganz Deutschland. Das Theater ist knackevoll. Und er hält noch Vorträge dazu. Und so ist das so eine Sommer-Festspiel-Event-Situation. Und das finden die ganz toll. Und da wollen die mehr von. Und so schreibt er im nächsten Jahr ein eigenes Stück und das wiederholt sich dann dreimal, sodass dann zum Schluss vier solche Mysteriendramen aufgeführt werden, immer in dieser Konstellation. Und wirklich weitergehen tut das eigentlich nicht.

Bahnbrechende Entwicklungen: Ein würdiger Ort für die Mysterienspiele wird gesucht - Entwicklung der Eurythmie 0:29:03

Seine Inhalte gehen unheimlich weiter. Er macht eine sehr tiefe Wendung. Er arbeitet das Christentum auf und bringt das in den Kontext der Anthroposophie oder der - damals noch - Theosophie. Tiefe Weisheiten, die da sehr ordentlich aufgefächert dargestellt werden. Aber diese theosophischen Mitglieder nehmen das alles wahnsinnig gerne auf und sind sozusagen Anhänger. Aber es passiert eigentlich nichts. Dann kommt eine Theosophin zu ihm und sagt: "Ja, meine Tochter, die will also unbedingt Ballett machen, so einen Tanz und so. Und die ist jetzt 17. Aber eigentlich könnte man doch was anderes. Die würde auch gerne so irgendwie einen anderen Tanz und so. Haben Sie nicht eine Idee?" Und das klingelt irgendwie bei ihm. Und dann fängt er mit diesem Mädchen an, die ersten Übstunden zu machen. Und dann kommen andere dazu. Und so weiter. Und so entwickelt er dann die ersten Elemente der Eurythmie. Wieder eine Kunstform, die da den ersten Anfang in die Welt hinein nimmt. Und zu diesem Theater kommt nun etwas hinzu, dass es da in München doch ein paar Leute gibt, die an Therapie interessiert sind, und die wollen mit ihm zusammen, und das machen sie dann auch, eine Farblichttherapie entwickeln. Und dann kommen paar Architekten, die wollen eigentlich jetzt einen Bau machen. Und das findet er wahnsinnig interessant und unterstützt das sehr. Die sagen, ja, wir müssen doch so was eigentlich in einem dafür extra geschaffenen Gebäude machen, diese Mysterienspiele. Das kann doch nicht nur so im Sommer hier immer nur so auf Festspiel, das muss doch irgendwie, die Anthroposophie, also die Theosophie, braucht doch ein festes Zentrum, eine eigene Heimat.

Pläne für den Bau des ersten Goetheanums - Steiner macht den Entwurf und entwirft das Konzept - Ein wunderschöner Holz-Doppel-Kuppelbau 0:31:02

Und das findet er eigentlich ganz toll. Und die machen also riesige Pläne und Eingaben. Und das ist sozusagen über mehrere große Grundstücke. Mitten in München wird eigentlich ein Kult-Theater-Therapiezentrum mit einem Saal von fast tausend Leuten geplant, einer großen Kuppel und so. Aber die Stadt München will das nicht, genehmigt das nicht. Und dann kommt ein Mitglied 1913 zu ihm. Das gehört zu dem Zweig in Basel, ist Zahnarzt, Großheintz. Und dieser Doktor Großheintz sagt einfach so ganz lapidar: "Ja, wenn das hier nicht klappt, Herr Doktor Steiner, Sie können auch gerne das Grundstück von mir haben. Ich habe da bei Basel noch so ein Obststück da bei Dornach." Und das elektrisiert den Steiner. Er verabredet sich sofort, legt alles um. Und ist wenige Tage später auf diesem Grundstück, guckt sich das alles an und so. Und drei Wochen später wird der Bau eingegeben. Und ich glaube, sechs Wochen später beginnt man zu bauen,1913. Es kommt zu einer feierlichen Grundsteinlegung. Er entwirft ein Konzept. Das machen jetzt nicht mehr die Architekten, sondern er macht den Entwurf. Die Architekten machen dann das danach. Einen wunderschönen Holz-Doppel-Kuppelbau. Und er versteht, dass er eigentlich das mit dieser Gemeinschaft zusammen zu bauen hat. Und das ist sehr interessant, dass die Anthroposophen heute zurückgucken auf dieses erste Goetheanum, was zunächst noch Johannesbau hieß. Und das irgendwie wahnsinnig feiern. Es war auch ein tolles, wahnsinnig tolles Gebäude. Aber sie haben eigentlich gar nicht kapiert, was es wirklich ist. Es ist nämlich der Kunstbau, der Tempelbau einer Gemeinschaft, dieser Theosophischen Gemeinschaft. Und da gibt es eine schweizerdeutsche Zeitschrift "Archithese". Und die hat vor ein paar Jahren eine Sondernummer gemacht, 2012. Und die hat das eigentlich erst richtig entdeckt. Und die hat gesagt, ja - der Bau der Gemeinschaft - das ist dieses Goetheanum. Da haben Sie ein wunderschönes Bild. Dieses Doppel-Kuppel-Gebäude mit dem Gerüst davor, wo die ganze Gemeinschaft, diese ganze Theosophische Gemeinschaft jetzt an der Bautätigkeit integriert ist. Und das ist in Bezug auf die Entwicklung der Anthroposophie und in Bezug auf die Biografie Rudolf Steiners das aller Entscheidendste, dass diese Bewegung jetzt sozusagen wirklich auf die Erde kommt.

Der 1. Weltkrieg: Die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts 0:33:41

Und es vergeht leider kein Jahr, schon nach einem Dreivierteljahr bricht der Erste Weltkrieg aus. Und Rudolf Steiner ist einer der wenigen Intellektuellen, die das von vornherein mit unglaublicher Klarheit als etwas ganz, ganz Verwerfliches charakterisiert. Man muss sich vorstellen, dass so tolle Künstler wie der Franz Marc da mit Freude in den Krieg gezogen sind. Ganz merkwürdig. Die ganzen Intellektuellen, viele Intellektuelle waren völlig paraylsiert. Also das war ganz furchtbar, dass eigentlich ganz Wenige durchschaut haben, was das bedeutet, dieser Krieg. Steiner war einer der Wenigen, die von Anfang an sehr deutlich gesagt haben, das ist eine totale Fehlentwicklung. Und diese Kriegs-Katastrophe kommt nur, weil die, die eigentlich die Verantwortung haben, die Regierenden, wie schlafen. Und es dauert fast hundert Jahre, dass dieses berühmte Buch jetzt vor wenigen Jahren erschienen ist, von dem englischen Schriftsteller, Historiker Clark, der dann diesen Titel nimmt: "Die Schlafwandler". Und beschreibt eigentlich die Verantwortlichen 1913, 1914, als eben sowohl in Moskau, als auch in Berlin, als auch in Paris, als auch in London, als völlig realitätsfremde, abgedrehte Verrücktlinge eigentlich, muss man sagen, die diese Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts verursachen.

Der Kultbau der Gemeinschaft und der Krieg - Friedensbemühungen durch Rudolf Steiner - Meditationstexte für die im Feld umkommenden jungen Männer 0:35:25

Und jetzt muss man sich das ganz schön bildhaft vorstellen, wie das da war, in diesem Hügel da hinter Basel. Da ist eine Gemeinschaft, eine internationale Gemeinschaft tätig, einen wunderschönen Holz-Doppel-Kuppelbau zu errichten. Und nachts sieht man auf den Vogesen-Kämmen das Feuer der deutsch-französischen Demarkationslinie, der Maginot-Linie. Nicht wenige von den jungen Männern, die dort tätig waren, haben dort ihren Einberufungsbefehl gekriegt. Ob es Franzosen, ob es Russen, ob es Deutsche waren. Eine unglaublich merkwürdige Situation. Der Kultbau der Gemeinschaft und der Krieg. Also man muss das sich ungefähr so vorstellen: Da war dann in Zürich der Lenin. Und da gab es eine ganze russische, ja, wie soll man sagen, Exil-Intellektuellen-Gesellschaft in der Schweiz. Und da gab es dann auch Russen, die eben sehr an allem Kulturellen interessiert waren. Und nun war es ja noch nicht so eine moderne Zeit wie heute. Man hatte es mit dem Fortbewegen nicht so leicht. Und es war ein sportlicher Russe. Und der war dann eben in Mailand. Und dann fuhr er mit dem Fahrrad wieder nach Zürich und dann fuhr er zwei, drei Tage zu dem Lenin. Und dann fuhr er wieder nach Dornach mit dem Fahrrad und machte wieder ein bisschen an dem Goetheanum mit weiter. Solche Verhältnisse waren das. Und mit dem Krieg werden es jetzt immer weniger Menschen, die da mitarbeiten können. Das Geld der Gemeinschaft geht aus, das wird immer knapper. Und Rudolf Steiner engagiert sich immer mehr sozusagen. Kann sich überhaupt in diesen Vorträgen usw. kaum noch richtig bewegen. Es ist äußerst schwierig, in Deutschland unterwegs zu sein. Er ist ja nicht Deutscher, er ist Österreicher. Und er lebt in der Schweiz. Und schon die Überfahrt bei Basel über die Schweizerdeutsche Grenze ist ein Riesen- Akt. Und so weiter. Und er engagiert sich zunehmend mehr, indem er deutlich macht, dieser Krieg ist furchtbar und der Ausbruch ist völlig daneben. Es gibt eigentlich gar keinen richtigen Kriegsgrund. Und er kommt dann 1916 auf der Mitte, Anfang 17 dazu, dass er durch einen sehr einflussreichen Freund, auch mittlerweile ein Anthroposoph, der Österreicher ist, Zugang gewinnt zu einem Minister des österreichischen Kabinetts, um dort vorzuschlagen und dann eben auch einen deutschen Staatssekretär aus Berlin, den er aufsucht, man möge ihn doch ermächtigen, das Deutsche Reich möge doch ihn ermächtigen, in der neutralen Schweiz in Zürich eine Außenstelle, eine Pressestelle des Deutschen Reiches zu betreiben, um von dort aus Friedensverhandlungen in Gang zu setzen. Das wäre die Oberste Heeresleitung. Deutschland wird ja nicht mehr regiert von irgendeinem Kaiser oder schon gar nicht von irgendeinem Kanzler wirklich, sondern die Macht haben eigentlich die Generäle, die Generalfeldmarschälle unter sich, die diesen Krieg machen. Und die lehnen das natürlich ab. Das sind so Sachen, die man nicht so schnell sieht und nicht so schnell hört in der Biografie Steiners, wo ich jetzt auch ein gewisses Schwergewicht darauf lege. Das geht dann so weiter, dass er sich weiter engagiert im Zusammenhang mit diesem Krieg. Den Theosophen auch zum Beispiel nicht mehr unbedingt nur Vorträge hält über die geistige Welt, sondern auch ganz konkrete Vorträge über das Verbinden von Wunden. Und Meditationstexte gibt für die im Feld umkommenden jungen Männer und so. Also er geht da unglaublich mit.

1913 Abschied von der Theologischen Gesellschaft - Neugründung der Anthroposophischen Bewegung 0:39:31

Er hat vorher, 1913, sich endgültig von der Theosophischen Gesellschaft verabschiedet, hat die anthroposophische Bewegung begründet, weil er mit den Dogmen der Theosophie nicht mehr einverstanden ist. Und ich glaube, neunzig Prozent wechseln die Mitglieder zu ihm. Und er will aber gar nicht selber der führende Kopf sein, sondern lässt diese Gesellschaft/ Bittet eben Mitglieder darum, da einen eigenen Vorstand zu bilden und so. Er ist da nicht sozusagen in Verantwortung.

Die drei Qualitäten des seelischen Lebens entsprechen der Dreigliederung auf gesellschaftlicher Ebene - Ab 1916/17: Notwendigkeit der Entwicklung einer neuen Gesellschaftsordnung nach der Kriegskatastrophe 0:40:04

Und jetzt fängt er an, noch mal eine neue Grundlagenschrift über das innere Leben, eigentlich das Seelenleben des Menschen zu verfassen, eine sehr wenig gelesene Schrift. Und im 8. Anhangs-Kapitel dieser Schrift vom Seelenrätsel, 1916, deutet er das erste Mal an, das seelische Leben hat eigentlich drei verschiedene Qualitäten. Und jetzt geht es wie eine Explosion, dass er plötzlich diese Dreigliederung entwickelt und diese Dreigliederung im Bezug auf alles Mögliche anwendet. Und so eben auch auf die gesellschaftliche Entwicklung. Das ganz Erstaunliche, wir können heute, wir werden uns ja nächste Woche auch beschäftigen mit dieser funktionellen Dreigliederung, eine ganz entscheidende, ganz wichtige Grundlage der ganzen Anthroposophie. Die ist eigentlich das Letzte, mit viel komplizierteren, viel größeren Weisheiten. Die Landbau-Schüler, wenn wir denken, was da alles schon in der Geheimwissenschaft dargestellt ist. Die Dreigliederung ist es nicht. Die kommt erst 1916/17 dazu.

Zensur durch Familie von Moltke: "Memoiren des Helmuth von Moltke, herausgegeben von Rudolf Steiner" wird vom Markt genommen 0:41:15

Und er sagt den Leuten: Wir müssen uns Gedanken machen, welche Gesellschaftsordnung nach dieser Kriegskatastrophe eigentlich richtig ist, was man da braucht. Weil das wird jetzt endlich mit diesem Kaiserreich vorbei sein. Und da möchte ich noch eine Sache erzählen, die man eigentlich immer gar nicht so kennt, die man auch sehr wenig liest, wenn es um Rudolf Steiner geht. Da gibt es ein Mitglied, eine Frau, auch wieder eine Adlige Eliza von Moltke. Die ist schon 1904 oder 1905 in Berlin Mitglied. Und ihr Mann ist Generalfeldmarschall, dann im Ersten Weltkrieg, Helmuth von Moltke, der Jüngere. Und der ist sozusagen verantwortlich für die ersten Schlachten in Frankreich. Und tritt dann zurück oder wird zurückgepfiffen vom Kaiser. Es ist ein bisschen unklar, wie das eigentlich genau geht. Jedenfalls hat er Kontakt zu Rudolf Steiner und Rudolf Steiner reist dann inkognito hier nach Bad Homburg und trifft kurz nach der Entmachtung dieses Obersten Heeresleiters 1914, am Anfang des Ersten Weltkrieges, diesen Generalfeldmarschall. Und was Sie besprechen ist bis heute - weiß man nicht. Er ist wohl eine Stunde da mit dem zusammen. Und dann trifft er ihn noch mal ein Dreivierteljahr später in Berlin. Rudolf Steiner hält es aufrecht, in Berlin immer weiterhin jeden Winter durch jede Woche einmal einen öffentlichen Vortrag zu halten. Und dabei trifft er noch einmal diesen Helmuth von Moltke. Und ein Jahr später stirbt dieser Helmuth von Moltke, relativ überraschend, relativ jung, also vielleicht gerade 60 oder so. Und jetzt 17, 18, gegen Ende des Krieges erwirkt Rudolf Steiner von dieser ehemaligen oder von diesem Mitglied der Gesellschaft, von dieser Frau das Recht, die Memoiren des Helmuth von Moltke drucken zu dürfen. Und damit greift er direkt in die, sagen wir mal, Geschichtsschreibung ein. Er möchte nämlich, dass ein Dokument, was seiner Meinung nach sehr, sehr wichtig ist, dass das nicht unbekannt bleibt - diese Memoiren dieses Helmuth von Moltkes. Und es interessiert ihn eigentlich dabei nur eine einzige Sache, nämlich der Ausbruch des Krieges Ende Juli, Anfang August 1914. Er macht eine kleine Schrift zu diesem Ausbruch des Weltkriegs. Und eben, es ist eigentlich nur ein kleines Vorwort. Und im Wesentlichen sind es diese Memoiren, Auszüge aus diesen Memoiren. Und man versteht eigentlich nicht, warum ihm das jetzt auf einmal so wichtig ist. So ein typischer Seitenast der Anthroposophie. Etwas, mit dem die Anthroposophen heute auch .... die wissen da gar nichts drüber. Und dann ist das so, dass das fertig ist, dieses Buch. Das hat er fertig konzipiert. Und das ist in Stuttgart dann in der Druckerei, am Ende des Ersten Weltkriegs, 1918/19, fertig. Das war eine schwierige Sache, eine größere Auflage, ein Buch da in dieser Zeit, wo alles knapp war und so. Der Krieg ist gerade zu Ende. Und das Buch heißt: Die Schuld am Krieg, Die Memoiren des Helmuth von Moltke, herausgegeben von Rudolf Steiner. Und die Anthroposophen, seine Fans sozusagen: Oh! Rennen dahin und guckt mal, das Neueste vom Doktor und so. Und klauen förmlich also Exemplare aus der Druckerei und reichen die so rum. Und auf diesem Wege kommt dieses Buch zu einem sehr konservativen Nicht-Anthroposophen, der entfernt verwandt ist mit den von Moltkes. Und der interveniert bei dem obersten Familienmitglied dieser Familie. Und der setzt wiederum diese Witwe unter Druck. Und die untersagt die Zustimmung im Nachhinein an Rudolf Steiner. Und das Buch muss eingestampft werden. Es sind wenige Exemplare erhalten geblieben. Wir wissen, was da genau drin steht. Aber das, was Rudolf Steiner eigentlich wollte, ist unmöglich. Das Buch kann nicht verkauft werden, weil die Witwe des von Moltke, die zieht sozusagen die Genehmigung zurück.

Friedensvertrag von Versailles - Rudolf Steiner findet die Alleinschuld Deutschlands ungerechtfertigt. Er sieht, wohin das führen wird 0:45:49

Und jetzt kommt 1919 die berühmte Verhandlung von Versailles. Und jetzt wird langsam deutlich, was Steiner vor Augen hat. Er sieht diese Frage der Alleinschuld Deutschlands an dem Krieg als ungerechtfertigt. Und nicht um Deutschland groß zu machen, sondern weil er schon sieht, was daraus erwachsen wird. Und erwachsen tut ja da - und das müssten eigentlich alle wissen, die ein bisschen in der Geschichte aufgepasst haben - erwachsen tut ja daraus dieser Friedensvertrag von Versailles, der ja für Deutschland wirklich eine ziemlich harte Sache war. Und der Kampf gegen diesen Friedensvertrag innerhalb von Deutschland, das ist ja der Beginn der braunen nationalsozialistischen Bewegung. Das sieht Steiner und dagegen kämpft er an. Das ist interessant, das muss man erst mal entdecken. Also jemand, der wirklich die Tagespolitik mit einem Weitblick überschaut und direkt auch eingreift. Das berührt mich unglaublich. Und mich berührt es auch sehr, dass die Anthroposophen das gar nicht richtig zur Kenntnis nehmen, welche Seiten der Steiner eigentlich noch hatte.

Keine spirituellen Unterweisungen mehr während des Kriegs - Dornacher Bau entwickelt sich - Ärztin Ita Wegmann eröffnet in Dornach eine Praxis 0:46:58

Und 1914, mit dem Beginn des Krieges, hört er alle esoterische Unterweisungen auf. Er sagt, wenn so ein Krieg, wenn so etwas stattfindet, kann man keine spirituellen Unterweisungen mehr pflegen. Und mühsam nach dem Krieg beginnt nun langsam wieder die Tätigkeit an diesem Dornacher Bau Fahrt zu gewinnen. Und in gewisser Weise ist es dann 20/21 halbwegs fertig. Und jetzt kommt auf einmal Interesse an der Anthroposophie von den Jungen. Diese junge Ärztin, Ita Wegman, hat eine kleine Praxis in Zürich und ist da erfolgreich. Und fragt ihn nun, ob er sie unterstützen würde, wenn sie nach Dornach-Arlesheim käme, um ihre Praxis dort zu machen. Und er jubelt sozusagen förmlich. Er zeichnet ihr, er entwirft ihr einen kleinen Prospekt, er sorgt für das Grundstück, er macht ihr einen Entwurf für ihre Gebäude. Er sorgt dafür, dass binnen kurzem diese kleine Klinik da losgehen kann. Und diese Tätigkeit von dieser Ärztin, da kommen viele junge, neue Ärztinnen und Ärzte mit dazu. Und Rudolf Steiner steht für sie immer zur Verfügung. 533 dokumentierte Krankenbesuche am Bett, mit der Ärztin. Das ist der Fundus der anthroposophischen Medizin. Herstellen tut diese Medikamente ein junger Chemiker, der dahin gekommen ist, um die Pflanzenfarben des ersten Goetheanums zu entwickeln. Rudolf Steiner ist es ein Anliegen, dass diese Kuppeln von innen bemalt sind und dass dazu spezielle Farben entwickelt werden. Und es geschieht, wir würden heute sagen, in einer Garage. Und in genau dieser Garage werden dann drei, vier Jahre lang diese unendlichen Anweisungen und genauen Angaben zur Herstellung von verschiedenen Medikamenten durchgeführt und sofort dann an den Patienten sozusagen ausprobiert werden. Und das ist eigentlich der Grund, die Grundlage der ganzen heute weltweit doch aktiven anthroposophischen Medizin.

Vorläufer des Konzerns Weleda: Praktische Anwendung der anthroposophischen Medizin in Dornach - Zusammenarbeit Ita Wegman-Oskar Schmiedel-Rudolf Steiner- Firma Weleda 0:49:13

Oskar Schmiedel. Ich muss so ein paar Leute nennen, die immer hinten runterfallen. Eine ganz große Figur, ein ganz junger Mann, ganz junger Kerl, der einfach zur Verfügung steht. Und dieses Dreieck: Ita Wegman, Oskar Schmiedel, Rudolf Steiner, als die Geburt der anthroposophischen Medizin. Und aus der Garage wird dann eine kleine Firma und so weiter. Das ist heute ein weltweit operierender Konzern, die Weleda. Die immer noch zum großen Teil der Anthroposophischen Gesellschaft gehört. Ein Konzern, muss man schon sagen, wirklich ein Mordsding, die aber doch eine Struktur haben, die nicht privatwirtschaftlich ist.

Jetzt kommt diese gesellschaftliche Situation Ende des Krieges. Niederlage, völliges Chaos. Niemand weiß, wie eigentlich das weitergehen soll. Die Idee einer Räterepublik, die Idee einer sozialdemokratischen Republik. Schlussendlich ja der Ebert, der dann Reichskanzler wird. Der Handwerksmeister, der sich dann verbündet mit diesen Freikorps und eigentlich seine eigenen Leute erschießen lässt und so. Das ist ja alles furchtbar. Wenn man da 1919 so guckt, furchtbar. Und Rudolf Steiner sagt direkt kurz nach dem Krieg, Ende 18, im November, Dezember, den Mitgliedern in der Schweiz:

Ja, liebe Freunde, es gibt Situationen, wo man nicht mehr zugucken kann. Da muss man was tun in der Welt, in der Gesellschaft. Und das kann gut sein, dass wir hier in den nächsten Wochen das alles abbrechen müssen, was wir hier so pflegen und uns direkt selber in den Kampf um eine Zukunft der Gesellschaft begeben müssen.

Die Bewegung für die soziale Dreigliederung wird geboren - Das Konzept wird kaum verstanden - Rudolf Steiner spricht vor Tausenden von Arbeitern 0:50:49

Die Geburt der Bewegung für die soziale Dreigliederung, in Stuttgart vor allem, weil da kamen die Meisten her. Die Idee einer Gesellschaftsstruktur jenseits von Sozialismus, Kommunismus und Kapitalismus. Ein Konzept, was kaum verstanden wurde. Ein Konzept, um das Rudolf Steiner vier Monate kämpft wie ein Berserker. Er spricht vor Tausenden von Arbeitern, er spricht in den Mercedes-Benz-, in den Robert-Bosch-Werken, er spricht mit den Vorständen der Firmen, er spricht mit den Regierungsräten. Überall versucht er, ihnen deutlich zu machen, es gibt eine Gesellschaftsstruktur, die uns vielleicht in ein neues Fahrwasser bringt, wo so eine Kriegs-Katastrophe sich nicht wiederholt. Und es fällt eigentlich zunächst ein bisschen, aber immer weniger auf fruchtbaren Boden. Es wird gelesen. Er tut da zu Anfang, da hatte ich eben angefangen in der Schweiz, den Mitgliedern eben sagen, es wird nötig sein, es kann sein, dass wir da jetzt alles umschwenken müssen. Und es ist so typisch für ihn auch wieder dieses Umgehen mit der Zeit. Zürich, Winterthur, Bern, Basel - vier Städte, in denen er diese Idee das erste Mal präsentiert.

Und jetzt, obwohl er in Dornach natürlich eine Wohnung hat. Und so zieht er sich in Zürich in einem Hotel zurück und schreibt innerhalb von zehn Tagen das Buch, was dann das meistverlegte, erfolgreichste wird: Die Kernpunkte der sozialen Frage. Ein Buch, was dann sogar der Reichskanzler liest. Ein Buch, was wirklich gesellschaftlich irgendwie wahrgenommen wird und doch nicht dazu führt, dass diese Dreigliederung irgendwie auf fruchtbaren Boden fällt.

Und genau heute, in diesen Tagen, vor hundert Jahren, dann ein Jahr später, eben 1919, nein, Entschuldigung, das ist noch ein bisschen später. Am Ende dieser Phase, zwanzig dann, hundert, also vor 99 Jahren, bläst er das dann ab. Und dann sagt er den intensivsten Mitkämpfern, das war so eine Gruppe von dreißig, vierzig jungen Leuten, die da sich als Bund für Dreigliederung des sozialen Organismus engagierten und überall aktiv waren, sagt er: Es hat doch alles keinen Sinn. Keiner will das verstehen. Sie wollen jetzt hier wieder nach Pforzheim fahren und meine Zitate da vorbringen. Und die Leute verstehen das nicht und Sie verstehen es doch eigentlich auch nicht. Es hat doch keinen Sinn. Und wir haben noch ein bisschen Geld in der Kasse hier von unserem Bund für Dreigliederung. Was wollen wir denn mit dem Geld machen? Ich schlage vor, wir fangen an einer anderen Stelle an. Wir nehmen dieses Geld und schauen mal, ob wir nicht irgendwo eine Schule begründen können. Wir müssen auf die nächste Generation setzen.

Und nun gibt es einen Mann, der in dieser Bewegung für Dreigliederung eine zentrale Rolle gespielt hat und der schon viele Jahre vorher auch Anthroposoph war und sich da in der Anthroposophischen Gesellschaft ein bisschen engagiert hatte. Und den Rudolf Steiner sehr geschätzt hat und der viel diese Vorträge gehört hat und für den das viel bedeutete - Emil Molt. Die kleine Biographie liegt da hinten auch auf dem Tisch. Und Emil Molt ist Inhaber der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik in Stuttgart. Und es ist eine sehr gut gehende Fabrik. Und während des Krieges muss er natürlich den Tabak kaufen und so. Und da kommt er nach Zürich und handelt da. Und auf dem Rückweg denkt er: Ach, ich fahr doch noch mal in dem Goetheanum vorbei. Und kommt 1917, während des Krieges, an diesen unfertigen Bau. Und nebenan in der Schreinerei, in dem Raum, in dem Rudolf Steiner die meisten Vorträge seines ganzen Lebens hält, ich glaube über zweitausend Vorträge. In einer Schreinerei. Ist auch typisch Rudolf Steiner. Der Mann, der eigentlich da hauptsächlich spricht, wo Werkstatt ist. Es gibt wunderschöne Fotos von dieser Werkstattatmosphäre. Da kommt der Emil mal zu hinten rein während eines Vortrages. Und da sagt der Rudolf Steiner grade:

"Ja, es wird alles darauf ankommen, auf eine zukünftige Generation, auf den Umgang mit den Kindern."

Und das nimmt er so mit. Und jetzt, zwei Jahre später, 19, geht er so durch seine Firma. Umbruch - endlich ist der Krieg vorbei. Und da ist ein junger, toller Meister, den er als Mitarbeiter sehr schätzt. Und den fragt er so: "Ja, was fehlt Ihnen denn? Geht es gut?", und so. Und dann klagt er, dass er sein Kind nicht auf eine vernünftige Schule geben kann. Und er macht es bei dem Emil Molt pling. Und dann denkt er sich so, ich werde auf den Rudolf Steiner zugehen und werde ihn fragen, ob wir nicht doch in Bezug auf diese Schule jetzt was machen können.

1919: Gründung der ersten Freien Waldorfschule in Stuttgart - die erste freie Schule mit Rechtsstatus 0:55:39

Und das passiert im April. Eine erste kleine Voranfrage im Januar, genau vor hundert Jahren. Und dann im April noch einmal. Und dann geht Rudolf Steiner selber im Juni 19 nach Stuttgart in das Ministerium und bespricht es mit dem Verwaltungsbeamten und klärt, dass eine solche freie Schule als öffentliche Schule zugelassen werden kann, von der ersten bis zur dreizehnten Klasse, eine einheitliche Volks- und Höhere Schule. Das ist typisch auch für diesen Mann, den man so für abgeschwebt und spirituell und irgendwie in irgendwelchen geistigen Welten beheimatet so diskutiert. Der ist durchaus in der Lage, genau zu wissen, dass es jetzt auf ihn und auf keinen anderen ankommt. Nur er konnte das an dieser Stelle durchsetzen. Dass so was möglich wurde. Dass es einen Rechtsstatus plötzlich für eine freie Schule gab. Das gab es vorher überhaupt nicht. So ein absolutes Novum. Und so beginnt dann 1919 im September diese Freie Waldorfschule in Stuttgart. Waldorf eben wegen Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik. Und er muss sich dann auch noch mal gegen den von ihm so geschätzten Emil Molt durchsetzen. Muss sagen: Herr Molt, das ist ganz toll, dass Sie das machen. Wir machen das zusammen und Sie sind der Geschäftsführer und so weiter. Aber diese Schule ist für alle offen. Ganz richtig, dass es Arbeiterschule Ihrer Fabrik ist, aber es dürfen auch andere hinkommen.

Und das versteht der Emil Molt. Und so wird es eben eine wirklich öffentliche Schule. Und die ersten zwölf Lehrer, die sammelt er selber zusammen unter seinen Mitstreitern, jungen Anthroposophen. Und im September 1919 werden dann 14 Vorträge und Seminar-Besprechungen, drei Wochen, im Grunde zwei Wochen, werden die sozusagen auf diese Aufgabe eingeeicht.

Eine Pädagogik der Zukunft - Rudolf Steiner unterrichtet, gibt persönliche Anweisungen, Empfehlungen an die Lehrer -Vorträge: Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Waldorfpädagogik 0:57:32

Unglaubliche Vorträge. Die muss man irgendwann mal in seinem Leben kennengelernt haben. Die Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Waldorfpädagogik - das kann ich euch nur ans Herz legen. Und dann geht das los. Vier Klassen, glaube ich, zuerst. Und jetzt betreut er vier Jahre diese Schule intensiv, ist fast jede Woche dort, geht in den Unterricht rein, gibt ganz persönliche Empfehlungen den Lehrern, macht sehr deutlich, wo was zu unterrichten ist, auf was es ankommt, bis eben kurz vor seinem Tod. Und diese Anweisungen sind hochinteressant. Da gibt es dann Lehrer, die nach kurzem, obwohl er sie da selber hin geholt hat, wieder rausfliegen und andere, bei denen geht es total chaotisch zu. Und da denkt man, also warum schmeißt er die denn nicht raus? Und dann sagt er nur: "Ja, ja, das ist gar nicht schlimm. Schließen Sie einfach hinter sich die Klasse zu, dass der Lärm nicht rausflutet in das Schulhaus." Da denkt man sich naja, also irgendwas war da dran. Ja. Also ganz lebenspraktisch, unglaublich lebenspraktische Hinweise, wie eigentlich Pädagogik zu gehen hat. Zukunftsoffen.

Die Waldorfpädagogik ist die erste Pädagogik, die einen medizinischen Gesichtspunkt hat - Kein Bezug auf Geschlechterrollen 0:58:46

Und lauter Dinge,  wo man heute noch drüber staunt. Dass die Jungs Handarbeit machen sollen. Das war natürlich erst mal eine Wahnsinnsherausforderung. Überhaupt keine Geschlechterrollen mehr. Die Mädchen genauso in Sport und so weiter. Die Waldorfpädagogik ist die erste Pädagogik, die einen medizinischen Gesichtspunkt hat. Die Grundlage der Waldorfpädagogik zielt darauf hin, eine gesunde Erziehung, den Menschen in eine Situation zu bringen, dass er dreißig, vierzig Jahre nach seiner Schulzeit eine gesunde Grundlage hat. Das wird heute, ich habe gerade vor ein paar Wochen ein bisschen was gelesen, von einem ganz Normalen, der kennt gar nicht Waldorfpädagogik, also ein Wissenschaftler, Pädagogik-Wissenschaftler, der sagt: "Ja, das müssen wir jetzt doch in Zukunft immer mehr auch mal schauen, wie können wir eigentlich messen, wie Pädagogik auch in Bezug auf Gesundheit relevant ist." Es hat fast hundert Jahre gebraucht, um so ein Gesichtspunkt im allgemeinen eigentlich zu haben. Pädagogik, die ja die Gesundheit mit im Auge hat. Ich kann das jetzt weiter nicht ausführen. Das ist sozusagen der Bogen zur Waldorfpädagogik.

Die letzten intensiven Jahre - Rudolf Steiner setzt auf die Jugend 1:00:06

Und jetzt beginnen diese ganz wahnsinnig intensiven letzten Jahre 1922/23/24. Und diese Anthroposophen, die vorher Theosophen waren, machen eigentlich immer mehr Probleme, kämpfen sich vor allem gegenseitig an und sind immer noch nicht wirklich an der Stelle, dass sie die Dinge vorantreiben. Im Kontext des Landwirtschaftskurses dann 1924 sagt er mal den jungen Leuten, ja, es ist eben doch so, dass diejenigen, die so ab der Jahrhundertwende geboren sind, die also damals dann eben Anfang 20 waren, dass die wohl das sind, die es voranbringen können. Da spürt man diese ganze Frustration über die älteren Theosophen, die irgendwie einfach die Kurve nicht kriegen. Und neben der Betreuung der Medizin, neben diesem Entwurf der Pädagogik eine unglaubliche Fülle an allgemeinen Darstellungen, viele öffentliche Darstellungen in vielen Städten auch. Und eben die Frustration über die Entwicklung der Gesellschaft. Und dann ist dieses Goetheanum fast ganz fertig. Es werden die ersten Veranstaltungen darin gemacht. Er ist auch gar nicht zufrieden mit der Eröffnung. Das haben die dann einfach irgendwann gesetzt, diese anthroposophischen Mitglieder. Dann eine Riesen -Veröffentlichung und eine Eröffnungsveranstaltung, die ihm eigentlich gar nicht gefällt und so. Also man spürt, das ist auch wackelig.

Silvesternacht 1922/23: Brand, Zerstörung des ersten Goetheanums - Aber wir werden wieder bauen, mit einem Material und in einer Form für die Freunde und Feinde der Anthroposophie (Rudolf Steiner) 1:01:42

Und dann kommt es zu dem Brand dieses Holzbaus. Und es ist ein unglaublicher Schlag für ihn und für die ganze Bewegung. Dieses Gebäude, wo so viel Opfer und so viel Power reingegangen ist. Dieses wunderschöne Doppel-Kuppel-Gebäude aus Holz verbrennt total. Und es ist auch typisch. Ich will da auch noch mal ein bisschen ins Detail gehen, die Brandnacht kurz nach einem Vortrag, es ist abends um elf, Silvesternacht 1922 auf 23 - der Alarm - das Goetheanum brennt. Und was macht Rudolf Steiner? Er nimmt sich einen jungen Mann und sagt: "Wir beide gehen jetzt runter in das Heizhaus", ein ganz modernes Gebäude. Das war nämlich von außen Fernwärme. Das war eins der weltweit ersten Gebäude, die eine Fernwärme hatten. Und geht mit diesem Zeugen in das Heizhaus und liest Vorlauf und Rücklauf ab, Heizungstemperatur. Damit später niemand sagen kann, die Heizung, diese moderne neue Heizung hätte das Gebäude entzündet. Also jemand, der mit beiden Beinen auf dem Boden steht. Alle rasten, waren verrückt und versuchten, das irgendwie zu löschen, was völlig unmöglich war. Es war eine sehr professionelle Brandstiftung, so im Zwischenteil zwischen den Kuppeln. Und der angeblich so spiritistische, über den Wolken schwebende Philosoph oder Anthroposoph geht da zielstrebig und liest die Temperatur ab. Und genauso zielstrebig geht er wenige Tage später nach Basel zu der Versicherung und verhandelt wieder selber über die Versicherungssumme. Und dann kommen die Zeitungen und fragen: Was wird denn nun und so? Und dann sagt er: "Ja, wir werden wieder bauen. Aber wir werden bauen mit einem Material und in einer Form für die Freunde und Feinde der Anthroposophie." Und das bitte ich ernst zu nehmen insofern, als man eben, wenn man heute dieses zweite Goetheanum sieht, von dem er ja nur noch das Modell entwerfen kann, dass es doch ein Gebäude ist, was einen ganz besonderen Charakter hat, dadurch, dass es eben für die Freunde und Feinde der Anthroposophie gebaut ist. Und nichts ist, was man irgendwie nachbauen sollte, um daraus Waldorfschulen zu bauen. Das ist ein großes Missverständnis in meinen Augen, der anthroposophischen Architekten.

Arbeitsintensiv: Rudolf Steiner arbeitet bis zur Erschöpfung - Landwirtschaftliche Tagung - Heilpädagogischer Kurs - Nicht behindert! Jeder Mensch ist ein voller Mensch 1:03:51

Ja, wir müssen jetzt zum Ende kommen und wir gucken noch einmal kurz auf diese Situation der Landwirtschaft. Das habe ich ja schon beschrieben. Diese theosophischen Mitglieder, die nun auf dem Land Gutsherren sind und die merken, da geht irgendwie was kaputt und die ihn da beknien. Und dieser Keyserlingk - den beschreibt er dann selber als einen eisernen, einen eisernen Grafen, der mehrere riesige Großgrundbesitze zu verwalten hat - ein Schloss da in Koberwitz sozusagen gepachtet hat. Und der möchte, dass dieser Kurs zustande kommt, dass dieser Rudolf Steiner was zu Landwirtschaft sagt. Und dann klappt es irgendwie nicht. Und der Rudlf Steiner ist so wahnsinnig überlastet. Und dann hat er so einen Neffen, dieser Keyserlingk. Der ist 19, 20, so ein Halbrusse. Der weiß irgendwie nicht so, wie es so weiter geht. So jemand, der nicht so ganz auf der Erde ist, der noch so sucht. Und dann sagt er: "Geh nach Dornach, geh zu der Tagung und melde dich bei dem Steiner, dass du von mir kommst und dass du den Termin brauchst für diese Tagung, diese landwirtschaftliche Tagung. Und du gehst da nicht weg, bis du einen Termin hast." Dieser eiserne Graf mit dieser Taktik ist es, der uns eben diesen Landwirtschaftskurs eigentlich ermöglicht hat. Und Steiner sagt das auch im Nachhinein: Wenn der das nicht so brutal da gefordert hätte, wäre es wahrscheinlich gar nicht dazu gekommen. Und so kommt es dann eben 1924 zu diesem Kurs auf diesem Schloss, parallel zu einer Riesen- Veranstaltung in Breslau. Er fährt jeden Tag hin und her, Eurythmie-Aufführungen, öffentliche Vorträge vor tausend Leuten im größten Konzertsaal da in Breslau. Und vormittags eben, in der Mittagszeit diese acht Vorträge mit den Fragenbeantwortungen, in diesem Schloss, zu der Zukunft der Landwirtschaft. Und nun gibt es ein paar, vier, drei, vier junge Männer, die meisten von euch sind älter als die, die waren gerade so 20, 22. Und die hatten sich vorgenommen, in ihrem Leben etwas für die sogenannten Behinderten zu tun. Das ist natürlich nach so einem Krieg und so gab es einige Kinder. Und die kommen zu Rudolf Steiner. Und der lässt alles liegen, die ganzen Theosophen, alle seine Verpflichtungen, scheißegal. Diese drei jungen Kerle, die da so irgendwo herkommen und was machen wollen für diese behinderten Kinder, das findet er total cool.

Fährt nach dem Landwirtschaftskurs direkt dahin nach Jena. Schaut sich das Gebäude an, was sie da kaufen wollen oder mieten wollen, hilft ihnen, unterstützt sie und sagt: Kommt nach Dornach! Ich mache euch eine Grundlage. Ich helfe euch. Ich bilde euch aus, dass ihr diese Aufgabe übernehmen könnt. Und das kommt auch wirklich noch im August 24 dazu. Ich glaube, 13 Vorträge, dieser sogenannte Heilpädagogische Kurs. Er sagt denen: Ja, ihr müsst die Waldorfpädagogik zur Grundlage machen. Aber das, was ihr eben für diese Kinder braucht, das bearbeiten wir jetzt extra. Und ich kann eigentlich nur inhaltlich so viel sagen, schon allein der Begriff oder Steiner ist eben manchmal auch sehr genau: Nicht behindert! Jeder Mensch ist ein voller Mensch. Es gibt nur Menschen, denen muss man besondere Pflege angedeihen lassen. Das sind Seelen, pflegebedürftige Menschen. Es gibt keine behinderten Menschen. Also schon das mag vielleicht zeigen, welche Größe und welcher Weitblick und welches Menschenbild dahinter steht.

Biodynamik und anthroposophische Heilpädagogik sind Geschwister - Camphill-Gemeinschaft in Nordengland und Irland 1:07:37

Und man kann sagen, diese anthroposophische Heilpädagogik ist eben mit der Landwirtschaft zusammen, nach der berühmten Weihnachtstagung 1923/24, begründet worden in einem ganz kurzen Akt. Es sind nur wie Entwürfe, beides. Aber wir sind auch in gewisser Weise im anthroposophischen Sinne Geschwister. Weil wir beide, eben beide Bewegungen, die Biodynamik und die anthroposophische Heilpädagogik, ja, wie soll man sagen, einen ganz anderen Charakter haben, dadurch, dass sie eben nach der Weihnachtstagung entstanden sind. Und diese Geschwisterlichkeit, die ist ja dann entdeckt worden eigentlich von einem der wesentlichen Heilpädagogen der ersten Generation, ein junger jüdischer Wiener Arzt, Karl König, der dann vor die Nazis fliehen musste in den Dreißigerjahren. Und das miteinander verbunden hat in dieser ersten Camphill-Gemeinschaft in Nordengland und Irland. Und es ist ja dann schon in den Fünfzigerjahren eine weltweite Bewegung geworden, diese Idee einer Dorfgemeinschaft, Landwirtschaft und Heilpädagogik als Keimzelle von einem eigentlich gesundenden Leben für Mensch und Natur. Große Idee und eine tolle Sache. Die man natürlich auch wandeln muss, der Zeit irgendwie anpassen muss. Und man kann heute sehr gut sagen, überall wo eine Camphill-Einrichtung nicht zugelassen wird, da hat man es mit einem totalitaristischen Regime zu tun. Oder auch, wo Waldorfpädagogik nicht zugelassen wird. Klar, Waldorfpädagogik wird in vielen, vielen Ländern gar nicht finanziert, aber sie muss doch zugelassen werden. Und das passiert aber doch in bestimmten Ländern, dass sie verboten ist. Und da kann man eigentlich sagen, da ist diese Erziehung zur Freiheit nicht gewünscht. Ja. Ich wollte mit einem letzten kleinen Dokument enden. Und das werde ich jetzt vorlesen.

Zuletzt eine Geschichte 1:09:41

Da gibt es eine Frau in Dornach, die war einfach so die Dorf-Hebamme. Und die hat man in den Dreißigerjahren, - die hatte nichts mit den Anthroposophen zu tun - da hat man zufällig diese Geschichte von ihr gehört und berichtet. Und die möchte ich euch sozusagen im Original vorlesen, wie diese Hebamme das von ihrem Vater erzählt.

Ihr Vater, der Kürschner und Landwirt, Zeltner von Ober-Dornach, der sich Müßiggängern gegenüber oft etwas drastisch verhielt, war einst auf seiner Wiese am Melchersgraben beim Mähen. (Wenn man die Gegend da kennt, sind relativ steil und mähen heißt hier mit der Sense da so mähen). Seine Tochter Hermine half ihm. (Das ist die, die das hier dann berichtet). Half ihm beim Verzetteln der hohen Maden. (Verzetteln, da haben wir heute das Wort zetter hier, das Verteilen. Verzetteln der hohen Maden). Als ein Spaziergänger in langem, langsamen Schritt daherkam und zu Zeltner, der im Schweiß gebadet war, sagte: "Das ist ein mühsames Schaffen." Gab dieser reichlich barsch zur Antwort: "Was verstehen die Herren, die noch spazieren können?" Der ältere Mann entgegnete darauf: "Das habe ich auch schon gemacht." - "Ja, so seht ihr aus!", murrt Zeltner. Aber der Herr sagt ganz ruhig: "In meiner Jugend habe ich für unsere Geißen oft den steilen Bahndamm abmähen müssen." Er ging auf Zeltner zu, nahm ihm die Sense aus der Hand und begann langsam, völlig korrekt zu mähen. Da rief Zentner aus: "Oi! Hi hi, der Mann, der kann's!" Die beiden betrachteten dann das Gras zusammen und unterhielten sich darüber, welche Kräuter die beste Milch geben. Der fremde Herr erwies sich als ebenso guter Kenner aller Grasarten wie Zeltner. Er erkundigte sich dann, ob es überschüssige Milch zu kaufen gäbe. Und als dies bestätigt wurde, ließ er von da ab täglich die Milch bei der Familie Zeltner holen." Es war Rudolf Steiner.

Herzlichen Dank fürs Zuhören! (Applaus) Ja. Ich muss also darum um Entschuldigung bitten, dass ich natürlich vieles, vieles übersprungen habe. Und für mich ist das immer sehr qualvoll, was ich denn nun bringe und was nicht. Und was dann für ein Gesamtbild entsteht und so. Und das kann ich natürlich auch gar nicht abschätzen. Da müsste ich ja jetzt in euch reingucken. Aber wir können ja gerne noch ein paar Fragen besprechen oder zumindest auch sammeln und dann auch in den nächsten Stunden mit einfließen lassen.

Fragen und Antworten - Ich will verstanden, nicht verehrt werden! 1:13:30

F.: Was war die Überlegung, den landwirtschaftlichen Kurs jetzt nur mal benannt zu haben, aber nicht mal ein bisschen was dazu erzählt zu haben?

A.: Ja, warum habe ich jetzt hier nicht über den landwirtschaftlichen Kurs weiter ausgeführt? Weil ich das im Rahmen dieses Kurses eben schon getan habe im Unterricht und auch noch weiter tun werde. Das kann man natürlich hier schon tun. Es handelt sich ja um eine extreme Erweiterung. Das Prinzip der Erweiterung ist, glaube ich, durchgängig bei Rudolf Steiner, sowohl in der Pädagogik, als auch in der Medizin, als auch in der Landwirtschaft. Und es geht eigentlich darum, den Blick, den wir heute haben, auf so ein Gebiet massiv zu erweitern, um dann fruchtbare Lösungen, bessere Lösungen für die Probleme zu entwickeln.

F.: Hat Rudolf Steiner jemals angeboten, esoterisches, spirituelles Wissen an die Arbeiterbewegung weiterzugeben?

A.: Ja, das war auch so!

F.: Ich habe die Frage nicht verstanden.

A.: Ich wiederhole die Frage, ja. Ob Rudolf Steiner jemals angeboten hat, auch an die Arbeiterbewegung spirituelles Wissen weiterzugeben. Und das ist natürlich eine sehr gute Frage und die zeigt auch ein bisschen die Unzulänglichkeit meiner Darstellung. Es ist schon so, es ist schon richtig dargestellt von mir, dass es eigentlich zwei verschiedene Ebenen waren in der Biografie und zwei verschiedene Welten. Und doch gab es eben Menschen, die aus der Arbeiter-Bildungs-Schule später Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft wurden. Die ihn einfach irgendwie verfolgt haben, also die das irgendwie weiter verfolgt haben und dann dahin übergewechselt sind. Und natürlich seine riesige Bemühung um die Arbeiter im Rahmen der Dreigliederung in den Fabriken in Stuttgart und Baden-Württemberg, Nord-Baden-Württemberg. Und eben auch dann diese Schulbegründung. Das bezieht sich ja alles im Prinzip zentral auf die proletarische Klasse, der er sich eigentlich immer zugehörig gefühlt hat. Dennoch kann man auch sagen, das trifft schon zu, was du vermutest oder was du sagst oder aus welchem Kontext du fragst. So viel Interesse war an dem Spirituellen bei den Proletariern nicht. Und er hat dafür auch nicht jetzt besondere Verrenkungen gemacht. Er hat sowieso nie für etwas geworben, sondern eigentlich immer nur dann etwas getan und berichtet und erzählt, wenn er danach gefragt wurde. Das war ein grundsätzliches Prinzip.

F.: Aber das ändert sich dann noch so ein bisschen mit dem Eingreifen nach dem Ersten Weltkrieg, also wo er dann tatsächlich auch Verantwortung übernimmt und Geschichte gestalten will. Also da geht er ja schon aktiv rein und möchte Zusammenhänge deuten.

A.: Ja, das ist also die Frage. Die zweite Frage war, ändert sich das nicht nach dem Ersten Weltkrieg, indem er eben da aktiv sozusagen mitgestalten möchte? Und das stimmt, das ist so. Das habe ich auch versucht so darzustellen, dass man eben da merkt, seine Impulse kommen jetzt noch mal konkreter, noch mal direkter, sollen sie wirklich im konkreten Alltagsleben der Menschen etwas verbessern. Und den Waldorflehrern zum Beispiel schreibt er wenige Tage vor seinem Tod einen Brief. Da geht es eigentlich darum, wie jetzt überall sozusagen die Initiativen zu neuen Waldorfschulen entstehen. Wie man damit umgehen soll und so. Und dann schreibt er ja - Ich bin nicht gesund und es wird auch noch lange dauern, bis ich wieder fit bin und so. Ihr müsst euch jetzt leider auch noch um die anderen Schulgründungen irgendwie mit kümmern. Das schaffe ich nicht. Und dann kommen so ein paar ganz kurze Sätze am Ende dieses Briefes. Er wusste wohl selber nicht, dass das eben wirklich der letzte sein wird. Oder vielleicht doch. Weiß ich nicht. Und da kommt dann so, die Waldorfschule ist zwar ein Kind der Sorge für ihn und doch ist es das Wahrzeichen für die Fruchtbarkeit der Anthroposophie in der Welt. Also es geht ihm darum, dass die Anthroposophie etwas Fruchtbares im konkreten Leben der Menschen bewirkt. Ich habe vieles, vieles ausgelassen. Also auch in Bezug auf das Politisch-Gesellschaftliche gibt es ja noch eine interessante Sache, 1922, wo er in Deutschland öffentliche Vorträge hält. Das ist er so en vogue, da ist er so hip bei den Intellektuellen und wird gemietet von der größten Konzertagentur für die größten Säle. Und das macht er so mit, weil er denkt, ja, irgendwie muss man die Anthroposophie auch an den Mann bringen, so, nicht? Und da kommt es dann in München zu einer richtigen Attacke von den ersten Braunen. Und er hatte schon ein paar junge Leute, die ihn beschützt haben. Und die tun den Saal sozusagen  verdunkeln, kappen die elektrische Zuleitung und es ist stockdunkel. Und er spricht einfach weiter in die Dunkelheit hinein. Und dann geht irgendwann das Licht wieder an. Und dann wollen die am Ende des Vortrags die Bühne stürmen. Und dann geht er bewacht, sozusagen eingekesselt von seinen Begleitern, hinten zu einem Notausgang raus und sagt nur: "Das war's in Deutschland. Wenn solche Herren jetzt hier aktiv werden, können wir keine öffentlichen Vorträge mehr machen." Also das sieht er sehr deutlich.

F.: Mich würde interessieren, also das Bild, was bei mir entstanden ist, das ist schon zwar von dem gehetzten, aber auch irgendwie sehr engagierten und sehr selbstsicheren Menschen. Also für die Inhalte, die er gibt, bin ich sehr beeindruckt davon, dass er sie mit so einer Selbstsicherheit anscheinend in die Welt gebracht hat. Mich hätte mal interessiert, was die Selbstzweifel angingen oder auch so Phasen der vollkommenen Überforderung, Rückzug.

A.: Ja, das ist etwas, was er sehr pflegt und auch regelrecht beantwortet. Und das findest du auch in den Büchern. Ich habe gerade heute in der Vorbereitung in ein ganz frühes GA2 reingeguckt. Und im Vorwort, das er dann fast zum Ende seines Leben schreibt, vierzig Jahre nachdem er das erste, eigentlich eigenständige Buch rausbringt, macht er ein neues Vorwort dafür. Und schreibt über seinen Wandel und auch über seine Zweifel. Und genauso findest du das auch in einem Vorwort der Geheimwissenschaft. Wenige Wochen vor seinem Tod, ganz am Ende seines Lebens, schreibt er noch mal ein neues Vorwort für dieses Grundlagenwerk und berührt da auch die Frage, wie hat sich das verändert. Das lässt sich schlecht zusammenfassen. Müsstest du einfach da mal selber lesen. Ist nicht schwierig.

F.: Aber das ist nichts, also einfach nur mal so als Bild von ihm, er hat sich ja anscheinend nie davon hindern lassen, von den Selbstzweifeln, die da waren. Immer dieses Aktive.

A.: Ja, das Aktive ist klar. Aber durchaus auch immer wieder das sich Verändern und Verwandeln und das, was nicht gelingt, auch aufzuhören und anders zu probieren und so. Das ist schon. Ja. Ich habe natürlich jetzt auch all die ganzen Publikationen nicht, es sind ungefähr 35 Bücher, die er in seinem Leben schreibt. Es ist für einen Schriftsteller oder Philosophen so die Mittelklasse. Es gibt Leute, die haben auch fünfzig, sechzig Bücher hinterlassen. Aber das ist schon sehr bemerkenswert. Und aber was völlig, absolut einmalig eigentlich ist überhaupt in der Geistesgeschichte, 6.000 Vorträge! 4.500 Vorträge dokumentiert! Bis heute längst nicht alle veröffentlicht, obwohl dokumentiert. Also das ist spannend, diese riesige Leistung an Darstellung.

F.: Hattest du mal was zu seinem Tod gesagt?

A.: Nein, habe ich nicht. Rudolf Steiner stirbt Anfang 1925. Und er ist schon bestimmt zwei Jahre vorher schwer angegriffen. Und das letzte halbe Jahr, von September, Ende September 1924 bis März 25 ist er nicht mehr in der Lage, sich zu bewegen. Und es ist sehr interessant, dass er sich sozusagen dann da in Dornach nicht in seine Wohnung zurückzieht, sondern in seinem Atelier. Er ist Handwerker, er ist Arbeiter mit der Hand. Das Arbeiten mit der Hand ist für ihn das Allergrößte. Er arbeitet die ganzen letzten zehn Jahre seines Lebens mit dem Holzklöppel und dem Stecheisen an großen Holzplastiken. Und zu Fuße diese Holzplastiken möchte er liegen. Und das richtet er sich so ein. Und da stirbt er auch. Der Handwerker. Da könnte man auch einen ganzen Vortrag machen: Rudolf Steiner, der Handwerker. Da gibt es wunderschöne Details. Den Landbau-Schülern habe ich das gezeigt in Dornach - dieses Schloss an dem Glashaus, wo er mit einem Schmied ein spezielles Türschloss entwirft und sich daran irgendwie freut. Da kommt auch der Humor durch, mit dem er sozusagen betonen will, jetzt gehst du hier über eine Schwelle. Und da muss man die Türklinke nach hier bewegen und die Türe aber so drücken. Da muss man ziemlich wach sein. Und obendrein ist diese Türklinke so geschmiedet, dass man sich furchtbar klemmen kann und furchtbar wehtun kann. Und als dann die ersten Eurythmistinnen sich da richtig eingeklemmt haben und sich beschwert haben und gesagt haben: "Herr Doktor, das geht doch nicht! Also da tut man sich ja furchtbar weh.", dann kommt nur so eine nette, lächelnde Bemerkung: "Spirituelle Menschen, die tun sich da nicht weh." Oder den Dornacher Hügel hochgehend im Gespräch mit jemand anderem und plötzlich sagt er: "Wir müssen mal kurz, ich habe hier ein Kirschsteinchen, den muss ich mir jetzt rausmachen, sonst humpelt ganz Dornach morgen."  Diese Nachmacher, das hat ihn angeätzt, hat ihn angekotzt, dass die Leute ihn verehrt haben. Er ist ein ganz Freundlicher und Zarter. Und irgendwann, da kommt dann jemand zum Ende eines Vortrages und bringt ein großes Geschenk und: "Wir verehren Sie so!" Und da bricht es aus ihm heraus: "Ich will nicht verehrt werden! Ich will verstanden werden!" Da hat er richtig drunter gelitten. Das kann man auch als eine merkwürdige Hassliebe oder eine schwierige Beziehung, so müsste man es vielleicht sagen - eine schwierige Beziehung - Rudolf Steiner und seine Anhänger - oder Rudolf Steiner und die Anthroposophische Gesellschaft. Das ist nie so ganz einfach. Ja. Dann gehen wir jetzt mal ins Bett. Ihr seid ja hier morgen früh wieder zu Gange. Und jetzt müssten wir noch ein paar Leute finden, die die Tische nach vorne und hinten wegräumen, dass morgen die Eurythmie hier stattfinden kann. (Applaus)

Themenbezogene Leseanregungen

- Mein Lebensgang 1923 - 1925, Rudolf Steiner, GA 28, ISBN 3-7274-0280-6;

- Aller Geistesprozess ist ein Befreiungsprozess - Der Mensch Rudolf Steiner, Taja Gut, Pforte Vlg., Dornach 2003

- Rudolf Steiner – Eine Biographie 1861 - 1925, Christoph Lindenberg, Verlag Freies Geistesleben, 1. Auflage 2011, ISBN 978-3-7725-0150-0

- Rudolf Steiner und die Anthroposophie - Eine Einführung in sein Lebenswerk, Walter Kugler, 24.08.2010, ISBN 978-3-8321-6138-5

- Goethes geheime Offenbarung, wie Rudolf Steiner das Märchen auch nannte, bildete den Ausgangspunkt zur Entwicklung der Anthroposophie (s.u.); ausführliche Betrachtungen Steiners dazu finden sich etwa in GA 53, S. 329ff und GA 57, S. 23ff. Auch die Mysteriendramen Rudolf Steiners sind auf Grundlage des Märchens entstanden (Lit.: GA 14). Quelle: Anthrowiki

- Friedrich Nietzsche, ein Kämpfer gegen seine Zeit, Rudolf Steiner, GA 5

- Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft – Vortrag 1907, Rudolf Steiner, Weblink

- Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog, Christopher Clark, Deutsche Verlagsanstalt, 2013

- Die Geheimwissenschaft im Umriss, Rudolf Steiner, GA 13

- Die Kernpunkte der sozialen Frage, GA 23

- Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik, GA 293

- Heilpädagogischer Kurs, Zwölf Vorträge für Heilpädagogen und Ärzte, Dornach 25. Juni bis 7. Juli 1924, GA 317

- Camphill – Ursprung und Ziele einer Bewegung, Karl König: Stuttgart 2019 • Karl König Institut (Hrsg.): 80 Jahre Camphill, Sonderheft des Karl König Instituts, 2020 • Karl König Institut (Hrsg.): Kunst in Gemeinschaft – Gemeinschaft als Kunst, Sonderheft des Karl König Instituts, zu 80 Jahren Camphill, 2020, Quelle: AnthroWiki