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Kaspar Hauser, Ludwig II. und Richard Wagner. Das Mysterium des Parzival-Kultus - ein Vortrag von Michael Rheinheimer, 2026: Unterschied zwischen den Versionen
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Und da hatte man auch gute Gründe zu, denn Friedrich Schiller hatte selber eine Novelle geschrieben: „Der Geisterseher“. Da geht es um einen jungen Prinzen, der von einer Geheimgesellschaft der Illuminaten gewissermaßen spirituell manipuliert wird. Und was man weiß: dass Friedrich Schiller Anfang des 19. Jahrhunderts noch ein, beziehungsweise zwei Dramen vorhatte. Ein großes Drama, das eigentlich der Höhepunkt seines dramatischen Schaffens hätte werden sollen, ein Drama von wahrhaft shakespeareschem Ausmaß, ein Theaterstück, das nur als Fragment überliefert ist: Über den russischen Zarensohn Demetrius. | Und da hatte man auch gute Gründe zu, denn Friedrich Schiller hatte selber eine Novelle geschrieben: „Der Geisterseher“. Da geht es um einen jungen Prinzen, der von einer Geheimgesellschaft der Illuminaten gewissermaßen spirituell manipuliert wird. Und was man weiß: dass Friedrich Schiller Anfang des 19. Jahrhunderts noch ein, beziehungsweise zwei Dramen vorhatte. Ein großes Drama, das eigentlich der Höhepunkt seines dramatischen Schaffens hätte werden sollen, ein Drama von wahrhaft shakespeareschem Ausmaß, ein Theaterstück, das nur als Fragment überliefert ist: Über den russischen Zarensohn Demetrius. | ||
Version vom 18. Februar 2026, 16:59 Uhr
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Transkription des Vortrags vom 12. Februar 2026
Transkription und Glossar von Elke J., Februar 2026
| Rheinheimer, M. Kaspar Hauser, Ludwig II., Richard Wagner, 2026, 00:00:00 […] …
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Begrüßung 00:00:38
Sehr verehrte, liebe Anwesende, herzlichen Dank für diese Einladung heute Abend nach Frankfurt in die Christengemeinschaft. Der genaue Titel des heutigen Vortrages: Kaspar Hauser, Ludwig II., Richard Wagner – das Mysterium des Parzival-Kultus. Lassen Sie mich mit einem Verweis beginnen.
Schillers Tod: Eine geistige Vergiftung. Man fürchtete in Geheimgesellschaften, dass Schiller bestimmte okkulte Geheimnisse Anfang des 19. Jahrhunderts offen ausplaudern würde 00:01:03
Rudolf Steiner soll einmal Friedrich Rittelmeyer, einem der Gründer der Christengemeinschaft gegenüber, geäußert haben, dass der deutsche Dichter Friedrich Schiller, anders als biografisch kolportiert, keines natürlichen Todes gestorben sein soll. Steiner deutet sogar an, dass er sagt, Friedrich Schiller wurde vergiftet. Auf den Einwand von Friedrich Rittelmeyer, aber er ist doch an einem Lungenleiden gestorben, sagte er: „Ach, damit hätte er noch länger leben können.“
Schiller war so durchglüht von seinem Idealismus, dass die geistigen Kräfte, die Inspirationen, aus denen er heraus wirkte, wohl stärker gewesen wären als die degenerativen Leiden, die seinen Körper, seinen Leib schwächten. Man muss sich das offenbar nicht wie eine Vergiftung mit Substanzen vorstellen – vielleicht hätte man die in einer Autopsie, der man Friedrich Schiller unterzogen hat, durchaus nachweisen können –, sondern er hatte wohl mehr eine spirituelle Vergiftung, eine geistige Vergiftung durch einen okkulten Angriff im Blickfeld. Und er hat auch gesagt, warum er davon ausgeht, dass das gewesen ist. Weil er sagt: Man fürchtete in bestimmten Geheimgesellschaften, dass Friedrich Schiller bestimmte okkulte Geheimnisse Anfang des 19. Jahrhunderts einfach offen ausplaudern würde.
„Man fürchtete in bestimmten Geheimgesellschaften, dass Friedrich Schiller bestimmte okkulte Geheimnisse Anfang des 19. Jahrhunderts einfach offen ausplaudern würde.“
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Schillers „Demetrius” wurde verhindert und ist als Fragment erhalten. Es thematisiert die rätselhaften Vorgänge um die Thronfolge des russischen Zarensohnes 00:02:34
Und da hatte man auch gute Gründe zu, denn Friedrich Schiller hatte selber eine Novelle geschrieben: „Der Geisterseher“. Da geht es um einen jungen Prinzen, der von einer Geheimgesellschaft der Illuminaten gewissermaßen spirituell manipuliert wird. Und was man weiß: dass Friedrich Schiller Anfang des 19. Jahrhunderts noch ein, beziehungsweise zwei Dramen vorhatte. Ein großes Drama, das eigentlich der Höhepunkt seines dramatischen Schaffens hätte werden sollen, ein Drama von wahrhaft shakespeareschem Ausmaß, ein Theaterstück, das nur als Fragment überliefert ist: Über den russischen Zarensohn Demetrius.
Dieses Dramenfragment, da geht es um den Sohn Iwans des Schrecklichen, der Anfang des 17. Jahrhunderts vermeintlich ermordet worden ist, aber anderthalb bis zwei Jahrzehnte später plötzlich in Krakau auftaucht und behauptet, er wäre der verschwundene Demetrius. Und beansprucht nun den Thron in Moskau, den ein anderer Zar inzwischen in Besitz genommen hat - Boris Godunow. Und die Frage, die bis heute Menschen beschäftigt: Ist dieser Demetrius tatsächlich der vermeintlich ermordete Zarensohn gewesen? Wenn ja, warum hat man ihn über Jahre in einem Kloster versteckt? War es vielleicht ein Falscher, der sich da zu Wort meldet? Aber kann es vielleicht sein, dass durch diesen Falschen vielleicht auch die Seele, die Individualität des richtigen Demetrius inspirierend gemeldet hat?
Alles Themen, die bis heute die Menschen beschäftigen. Aber Sie merken vielleicht auch: Wenn Friedrich Schiller dieses Drama fertiggeschrieben hätte, das wäre sofort gesprächsfähig gewesen mit dem Thema, mit der Individualität, um die es ja auch heute Abend gehen soll: Um Kaspar Hauser. Den badischen Erbprinzen - ich bin mir bewusst, dass es bis in die Gegenwart heftige Kämpfe, Auseinandersetzungen um diese Frage gibt. Auch im vergangenen Jahr tauchten wieder neue genetische Untersuchungen auf, die belegen wollten, sollten, dass das Findelkind, das an Pfingsten 1828 in Nürnberg auftaucht, nicht der badische Erbprinz, der Thronfolger in Karlsruhe hätte sein können.
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Eine Parallele von Schillers Demetrius zu Kaspar Hauser: Bestimmte Kreise von Menschen, die offenbar ein Kunstwerk bzw. einen möglichen Thronfolger verhindern wollten 00:05:07
Ich werde später noch etwas zu dieser Fragestellung sagen. Und der Anthroposoph Sergej Prokofieff, der sich mit diesem Demetrius-Drama sehr beschäftigt hat, der hat wahrscheinlich sehr nachvollziehbar dann dazu geäußert: Man stelle sich einmal vor, Friedrich Schiller hätte dieses Drama fertig schreiben können. Das wäre vom Weimarer Hoftheater, hätte über alle deutschen Bühnen gespielt werden können, möglicherweise in den Bühnen Europas. Und nicht nur die Elite des mitteleuropäischen Geisteslebens, auch der Adel, die gekrönten Häupter hätten diese Geschichte zur Kenntnis genommen. Und eine Geschichte wie Kaspar Hauser – alles das, was mit diesem Ereignis zu tun hat – hätte man möglicherweise einige Jahre Anfang des 19. Jahrhunderts so nicht machen können, weil das sofort wahrgenommen oder anders durchschaut worden wäre.
Und jetzt überlegen Sie mal: Kaspar Hauser - ja, auch dieser badische Erbprinz, der ja nicht nur ein dynastisches Verbrechen – das hat es natürlich immer mal wieder gegeben in der Geschichte, dass man Thronfolger verschwinden lässt, dass eine andere Linie auf den Thron kommt –, sondern die große Frage, die seit 200 Jahren Menschen beschäftigt: Inwieweit hat er nicht auch ein Verbrechen einer okkulten Dimension – wie damals ein Zeitzeuge sagte - ein Verbrechen am Seelenleben eines Menschen, ein Experiment – eine Rolle gespielt, dass man diesen badischen Erbprinzen über zehn Jahre hinweg dann in einem Kerker an einer Kette gefangen gehalten hat. An dieser Ausstellung, die ich vorhin schon sehen konnte, ist das ja sehr eindrücklich dargestellt, eines der Hauptmotive: Kaspar Hauser in dem Kerker, der mit dem kleinen Pferdchen spielt. Und ein Kunstwerk, ja, hat offenbar eine Sprengkraft oder hätte eine Sprengkraft entwickeln können, dass es offenbar Kreise oder Menschen gab, die um jeden Preis verhindern wollten, dass Friedrich Schiller dieses Werk hätte fertigstellen können.
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BIS HIERHER
Richard Wagners „Lohengrin“ als verschlüsseltes Zeugnis 00:07:32
Was mir selber erst vor einiger Zeit bewusst geworden ist: dass es zwar gelungen ist, dieses Werk von Friedrich Schiller, „Demetrius“, zu verhindern, dass es aber anderthalb bis zwei Jahrzehnte nach der Ermordung Kaspar Hausers im Dezember 1833 ein zweites Kunstwerk gibt, das ebenfalls im Jahre 1850 eine Uraufführung erfahren hat, in der die Geschichte Kaspar Hausers unscheinbar drin hineinverwoben ist. So feinsinnig, dass man es erst auf den zweiten Blick bemerkt, wenngleich dieses Theaterstück – es ist eine romantische Oper, eines der bekanntesten Opern bis heute – das seit auch bald 200 Jahren in vielen Opern, auch in Frankfurt sicherlich, öfter gespielt worden ist.
Das ist die Oper des deutschen Komponistendichters Richard Wagner: der „Lohengrin“. Eines der ersten durchkomponierten Opern, das ist 1850 – ganz sicher kein Zufall – in Weimar uraufgeführt worden unter der Schirmherrschaft von Franz Liszt. Wagner war bei der Uraufführung damals nicht anwesend. Er wurde steckbrieflich gesucht, weil er Schulden hatte, weil er als Revolutionär in Dresden damals anwesend war. Und das Werk hat sehr schnell sehr viel Erfolg gehabt, dass Wagner selber irgendwann sagte: Möglicherweise bin ich demnächst der einzige Deutsche, der den Lohengrin noch nicht gesehen hat.
Worum es dort geht: Es geht auch um das dynastische Verbrechen, um einen Thronfolger auf einen Herzogsthron, der beseitigt werden soll. Der Thronfolger – das Ganze spielt im 10. Jahrhundert – heißt Gottfried von Brabant. Der ist der Thronfolger des Herzogsthrons, und dieser Thronfolger Gottfried, der soll das Christentum in das heidnische Brabant bringen. Und da gibt es eine Widersacherin, das ist die Ortrud, eine schwarze Zauberin; die möchte die alten germanischen Götter an der Herrschaft erhalten und den Gottfried unbedingt beseitigen. Was macht sie? Sie begeht ein dynastisches Verbrechen, indem sie ihren Buhlen Telramund, einen Friesenfürsten, anstatt des Gottfriedes auf den Herzogsthron nach Brabant schieben oder installieren möchte. Dabei belässt sie es aber nicht, sondern der Gottfried erfährt einen okkulten Angriff und wird verzaubert.
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Die Symbolik des Schwanes und das Kettlein 00:10:22
In den CD-Librettos oder Inhaltsangaben, die Sie vielleicht bei sich zu Hause im Schrank haben, kann man manchmal lesen, dass der Gottfried in einen Schwan verwandelt wurde. Das ist falsch, wenn man das genau liest. Der Gottfried wurde von der Ortrud nicht in einen Schwan verzaubert; der Gottfried wurde von der Ortrud verzaubert, weil er ein Schwan ist.
Ein Schwan ist in den mittelalterlichen Gralslegenden, sagt Rudolf Steiner, das Symbolum für einen Menschen, der ein Gefäß werden kann, dadurch, dass ein verstorbener Gralsritter von der anderen Seite der Schwelle durch ihn hindurchwirken kann. Also überlegen Sie mal: Wenn Sie als Mensch ein Schwan werden, sich selber geistig-seelisch so öffnen, dass ein verstorbener Mensch mit seinen Impulsen durch Sie hindurchwirken kann, seine Gralsimpulse durch Sie hindurch in der Welt wirksam werden können, dann sind Sie der Schwan für einen anderen Verstorbenen. Und weil der Gottfried – das wäre seine Aufgabe gewesen – ein Schwan zu sein, dass die Gralsritter das Christentum nach Brabant bringen, hat die Ortrud nicht nur versucht, ihn von dem Thron zu beseitigen, sondern sie hat ihn verzaubert.
Wie hat sie das gemacht? Der Schwan tritt im ersten Akt dann irgendwann ins Geschehen, der hat ein Kettlein hinter sich, da ist ein Nachen, da wird der Gralsritter Lohengrin ins Geschehen gezogen. Und die ganze Menge ruft: „Ein Schwan! Ein Schwan!“, und nur die Ortrud erstarrt. Und ganz am Ende wird gesagt, warum sie erstarrt; da heißt es: „Am Kettlein, das sich um ihn wandt, erkannt ich: Es ist der Herr von Brabant.“ Also man hat um den Gottfried ein Kettlein gewunden, wie man um Kaspar Hauser im Verlies auch ein Kettlein gewunden hat. Und die Ortrud ist geschockt, weil sie allerdings bemerkt, dass das Kettlein, der Zauber, das sie um ihn gewunden hat, zu einem Bindeglied wird. Dass der Gottfried durch dieses Kettlein einen Gralsritter in das Geschehen hineinziehen kann.
Kaspar Hausers Traum und der Name Gottfried 00:12:44
Und das Brisante an dieser Geschichte – daraufhin hat mich Eckart Böhmer aufmerksam gemacht, der Kaspar-Hauser-Forscher, der ja diese Tagungen auch in Ansbach wohl auch in diesem Jahr wieder veranstalten wird –, dass von Kaspar Hauser ein Traum überliefert ist. Den er ein halbes Jahr, nachdem er 1828 in Nürnberg, nachdem er sein Kettlein verlassen hat, plötzlich auftaucht, sein Lehrer, der ihn begleitet hat, der Daumer, niedergeschrieben hat.
Und in diesem Traum – was er da sagt, das lese ich Ihnen kurz vor, das sollten Sie in den eigenen Worten hören. Da sagt er: „In der Nacht des 10. November träumte ihm“ – also Kaspar Hauser – „seine Mutter käme vor sein Bett und rufe ihn.“ Auf ihren Ruf glaubte er zu erwachen. Und dann einiges anderes, und dann heißt es: „Viel sprach sie mit ihm, was er vergaß. Er erinnerte sich, dass sie ihn Gottfried genannt hatte“, welchen Namen er zuvor, seitdem er in Nürnberg war, niemals gehört hatte.
Also Kaspar Hauser träumt, seine Mutter hat ihm den Namen Gottfried gegeben. Den Namen, den Richard Wagner 17 Jahre nach der Ermordung Kaspar Hausers im Lohengrin dem Thronfolger gibt, der ebenfalls durch ein dynastisches Verbrechen, durch einen okkulten Angriff beseitigt worden ist. Und der Name Gottfried ist ein sehr sprechender Name, der bedeutet „Frieden durch Gott“. Das ist eigentlich ein Name, der das zum Ausdruck bringt, was die Aufgabe eines jeden Schwanes ist: Frieden oder die Verbindung von der Erde, von der Sinneswelt mit der geistigen Welt des Grales in eine neue Verbindung bringen.
Eigentlich das zu vollziehen, was Rudolf Steiner Karl Heyer einmal gesagt haben soll: Wenn Kaspar Hauser nicht gelebt hätte und gestorben wäre, wie er tat, dann wäre der Kontakt oder die Verbindung zwischen Erde und geistiger Welt vollkommen unterbrochen gewesen. Das ist die Aufgabe eines jeden Gottfriedes, eines jeden Schwanes: so zu leben, so zu sterben, dass die Verbindung zwischen Erde und geistiger Welt fortwährend erhalten bleibt. Und da merkt man, unter welcher Inspiration Richard Wagner offenbar stand, dass er dieses Kaspar-Hauser-Geheimnis in seinem Lohengrin verschlüsselt dort hineingeheimnist hat.
Das Verbot der Frage und das Säen von Zweifel 00:15:30
Ich glaube nicht, dass er sich darüber ganz bewusst war, welche Dimension das haben könnte. Das werden wir heute Abend noch gemeinsam entwickeln. Aber erst mal geht es einfach ganz nüchtern um die Phänomene, wie man sowieso die Frage haben kann: Warum hat man Kaspar Hauser in einem Schwebezustand gehalten, in dieser Kerkerhaft, wo auch ein Kettlein wie bei Gottfried um ihn gewunden war? Offenbar, weil man verhindern wollte – das hat Peter Tradowsky ja immer entwickelt –, dass diese Seele an einem anderen Ort der Welt wiederkommen kann, wenn man ihn tötet, und dann vielleicht auf diese Weise ihre Impulse weiter in die Welt bringt. Aber eben auch, weil man auch verhindern wollte, wenn er einfach als ein Verstorbener in der geistigen Welt bleibt, dass es andere Schwäne, andere Gottfriede wiedergeben könnte, in der diese Seele dann von der anderen Seite der Welt in der Welt weiter hätte wirksam werden können. Deswegen dieses Kettlein bei Kaspar Hauser und bei Gottfried von Brabant.
Der weitere Verlauf der Oper – einige werden sie gesehen, gehören, gelesen haben – ist schnell erzählt. Ja, es soll dann ein Gottesgericht beweisen, ob die Elsa, die Schwester von dem Gottfried, einen Brudermord begangen hat – wie das die Ortrud natürlich möchte, um das dynastische Verbrechen zu verschleiern –, oder ob die Elsa, die „mein armer Bruder“ sagt, recht hat. Und da soll jemand mit dem Telramund, mit dem Friesenfürsten, kämpfen in einem Gottesgericht. Die Elsa fragt: „Wer wird mein Streiter sein?“ Und dann diese berühmte Szene, der Schwan mit dem Kettlein, an dem ein Nachen ist, in den der Gralsritter Lohengrin jetzt in das Geschehen hineingezogen wird. Und die beiden kämpfen, Lohengrin und der Telramund. Und der Lohengrin siegt. Und das Gottesgericht hat sich damit sozusagen offenbart.
Und eigentlich könnte jetzt am Ende des ersten Aktes die Oper auch schon fertig sein. Gott sei Dank ist es nicht. Ja, wäre sehr schade um die schöne Musik, die uns dann noch im zweiten und im dritten Akt erwartet. Man merkt, welche Inspiration Richard Wagner hatte. Denn obwohl der Lohengrin den Telramund besiegt hat und damit – der will die Elsa heiraten und als ein Schwanenritter nun in Brabant bleiben –, kennt Richard Wagner offenbar ein zweites okkultes Gesetz, wie man gegen die Schwäne, gegen die Gottfriede, gegen die Herzoge von Brabant oder Baden ankämpfen kann. Es heißt, der Lohengrin kann nur bei der Elsa bleiben, wenn man was nicht tut? Man soll ihn nicht fragen. „Nie sollst du mich befragen.“ Nie sollst du eine genetische Untersuchung machen, ob ich der echte Schwanenritter bin oder nicht.
Ja, blöder Witz, schon klar. Warum? Rudolf Steiner hat das gesagt bei Kaspar Hauser und bei Demetrius. Er sagt: Man soll eigentlich gar nicht so sehr die Frage stellen, wer das war, sondern mehr: Was wurde durch sie gewollt? Man soll offenbar auch bei Lohengrin nicht die Frage stellen: Wer war das?, sondern: Was wird, was kommt durch diesen Schwanenritter in die Welt hinein? Und da merkt man sofort, was man in der Gegenwart auch mit Kaspar Hauser macht. Wenn das okkulte Verbrechen, wenn das dynastische Verbrechen nicht gelingt, dann hat man einen zweiten Pfeil im Köcher: Man sät Zweifel. Man versucht, die Aufmerksamkeit der Menschen davon wegzubringen, was wurde durch ihn in der Welt gewollt, dahin: Wer war das eigentlich? Ist Kaspar Hauser, ist der Lohengrin möglicherweise ein Betrüger?
Die liturgische Handlung am Ende des Lohengrin 00:19:43
Der ganze zweite Akt, ja, wunderbare Musik, die der Wagner da komponiert, wie Ortrud versucht fortwährend in der Elsa Zweifel zu säen. Dann heiraten die Ende des zweiten Aktes, Lohengrin und Elsa. Und im dritten Akt, in der Hochzeitsnacht, schafft es die Elsa nicht. Der Zweifel ist so stark, dass sie doch dann den Lohengrin fragt: „Wer bist du?“ Herr Lohengrin, frag mich auf keinen Fall. Elsa will das dann wissen. Und der Lohengrin schreit auf, weil er weiß, jetzt muss er Brabant verlassen. Sagt noch: „Hört, wie ich verbotene Frage lohne.“
Und dann kommt dieser ganze Schwanengesang: „In fernem Land, unnahbar euren Schritten, liegt eine Burg, die Montsalvat genannt.“ Wo Lohengrin erzählt, er ist der Sohn Parzivals. Er kommt von der Gralsburg, dort wird der heilige Gral gehütet. Die Gralsritter werden ausgesandt, um Notleidenden in der Welt zu helfen. Aber er sagt auch: Wenn ich ein Jahr bei euch geblieben wäre, wäre auch der Gottfried wiedergekommen. Jetzt muss ich euch verlassen, der Gottfried ist weg und ihr müsst gewissermaßen alleine bleiben.
Also eine sehr tragische Szene. Er gibt dann am Ende noch der Elsa drei Kleinodien: ein Horn, ein Schwert, einen Ring; dass, wenn der Gottfried irgendwann kommt, dass er weiter durch ihn, dass er weiter damit heilsam wirken kann. Und dann taucht schon der Schwan im Hintergrund auf – der Gottfried, das weiß die Menge nur nicht – mit dem Kettlein und dem Nachen. Und der Lohengrin muss gehen. Und wieder denkt man, die Oper ist jetzt zu Ende. Die Ortrud also reckt ihre Hände gen Himmel und sagt: „Seht, wie sich die heidnischen Götter rächen, von deren Huld ihr euch gewandt.“ Und man denkt, gut, auch nicht schlecht, eine Oper, in der die Bösen mal gewinnen. Ja, es ist drei Stunden vorbei, man ahnt, das Parkticket draußen ist abgelaufen. Wie will Wagner das in den letzten zehn Minuten noch drehen? Eine berechtigte Frage.
Und gerade da, wo man denkt, die Oper ist zu Ende, passiert etwas ganz Außergewöhnliches. Man hört an der expressiven Musik, dass plötzlich das Gralsmotiv aufleuchtet. Und dann kniet der Lohengrin nieder in einem Gebet und bittet um ein Zeichen. Der vollzieht plötzlich eine heilige Handlung, ein kultisches Ritual, eine Art Gottesdienst, in dem er als erstes sich zu Gott, zur Gralswelt wendet, niederkniet. Dann ringt er um den Schmerz der Menschen, sagt: Wie kann diese Wunde geheilt werden, die durch Elsas Zweifel Brabant geschlagen ist? Dann taucht plötzlich die Gralstaube oben auf und die bringt ihm offenbar irgendwas wie eine Inspiration, was er gesucht hat. Dann springt er auf, löst dem Schwan das Kettlein und der Lohengrin wird von der Taube dort weggezogen in dem Nachen.
Und dann sagt er: „Seht her, der Herrscher von Brabant, zum Führer sei er euch ernannt.“ Da taucht tatsächlich der Schwan unter Wasser auf und der Gottfried steht plötzlich in einem Silbergewand da. Also dem Lohengrin ist es gelungen, durch diese Zeichentat, durch diese liturgische Handlung den Gottfried nicht nur zu erlösen von dem Kettlein; er schafft es offenbar auch, dass jetzt, wo der Lohengrin geht, der Schwan, der Gottfried erst wirklich Schwan werden kann, weil der Lohengrin wird von nun an durch diesen Führer von Brabant von der anderen Seite der Schwelle hindurch wirken können.
Wagner hat dort eine heilige Handlung, ein Initiationsritual am Ende des Lohengrin auf die Bühne gebracht. Haben Sie das schon mal gesehen? Können Sie nicht. Warum? Dieser spirituelle Höhepunkt des Dramas, der Oper, die Wagner vom Libretto geschrieben und von der Musik komponiert hat, hat er ja kurz vor der Uraufführung in Weimar wieder zurückgezogen. Das ist, soweit ich das weiß, bis heute nicht auf der Bühne gezeigt worden. Man kann sich fragen, warum? Das ist der spirituelle Höhepunkt des ganzen Dramas.
Wagner hat auch aus dem Gralsgesang von Lohengrin etwas herausgenommen. Man kann darüber fragen, warum er das getan hat. Es ist niedergeschrieben: Er fürchtete, dass das eine erkältende Wirkung auf das Publikum haben könnte. Das ist etwas, was nicht wirklich schlüssig ist. Man muss sich die Frage stellen: Friedrich Schiller hat man vergiftet, damit er seinen Demetrius nicht fertig schreibt. Man kann zumindest die Frage stellen, ob Richard Wagner nicht auch unter irgendeinen rätselhaften Einfluss geraten ist, dass er ganz am Ende, wenige Tage vor der Uraufführung, der er selber nicht beiwohnen konnte in Weimar, den Mut verlassen hat, das, was er bereits fertig niedergeschrieben und komponiert hat, dass das aufgeführt wird, und er das aus dem Drama herausgenommen hat.
Auch wenn Sie heute Abend oder sonst wie in Ihrem Libretto schauen, da werden Sie es nicht finden. Das ist auch in den Inhaltsangaben meistens nicht da. Wenn Sie das lesen wollen, mache keine Schleichwerbung, aber in dem Fall ist es sachlich begründet: Dieses Einführung und Kommentar von Kurt Pahlen, Richard Wagners Lohengrin, da ist ganz am Ende, sind die beiden Stellen kleiner gedruckt, als das andere textlich enthalten, die Wagner selber rausgenommen hat. Der zweite Teil des Schwanengesanges des Lohengrin und ganz am Schluss diese Zeichentat, diese liturgische Handlung, die Lohengrin dort vollzieht, um Gottfried von seinem Kettlein zu erlösen und um weiter als Gralsritter durch diesen Schwan nach seinem Weggang hindurchwirken zu können.
Die Parallele zur Heilung des Amfortas und der Lazarus-Auferweckung 00:26:38
Die Frage, die Sie sicher beschäftigt, die auch mich beschäftigt hat, als ich das entdeckt habe: Was ist das für eine Zeichentat? Was ist das für ein Ritual, für eine liturgische Handlung, die Richard Wagner dort szenisch auf die Bühne bringen wollte, auch wenn er es am Ende herausgezogen hat?
Ich meine, dass das schnell zu finden ist, denn das ist dieselbe liturgische Handlung, dieselbe Zeichentat, mit der am Ende von Wolfram von Eschenbachs Parzival der Parzival den kranken Amfortas heilt, um selber Gralskönig zu werden. Wir sagen immer, Parzival musste eine Frage stellen: „Oheim, was wirret dir?“ Das ist grob verkürzt. Wenn man genau liest, was Wolfram von Eschenbach schreibt, dann merkt man, dass auch Parzival, um den kranken Amfortas zu heilen, eine kultische Handlung vollzieht, die aus denselben vier Schritten gebildet ist wie diese Zeichentat, mit der Lohengrin den Gottfried erlöst.
Da heißt es: Parzival wendet sich zum Gral und kniet nieder, dreimal zu Ehren der Trinität. Erster Schritt. Dann ringt er um des traurigen Mannes Herzeleid. Dann richtet er sich auf und stellt die Frage: „Oheim, was wirret dir?“ Und dann dichtet Wolfram von Eschenbach: Der, der Lazarum auferwecken ließ, Christus, der half, dass der Kranke Amfortas wieder gesund war und schöner als jemals zuvor. „Der, der Lazarum auferwecken ließ, der half, dass der Kranke Amfortas wieder vollständig gesund ward und schöner als jemals zuvor.“
Also das knüpft an an diese Zeichentat im 11. Kapitel des Johannes-Evangeliums, wo Christus den verwesenden Lazarus auferweckt. Und Parzival selber tritt hier in das Amt eines christlichen Hierophanten und ruft nicht: „Lazarus, komm heraus!“, sondern: „Oheim, was wirret dir?“ Und da kommt nicht der auferweckte Lazarus herauf, sondern der Kranke Amfortas, schöner als jemals zuvor.
Und entscheidend ist, wo der Steiner sagt: Mit dieser Initiation des Lazarus beginnt eigentlich, dass die andere Johannesströmung, Johannes der Täufer, durch den Lazarus-Johannes von der anderen Seite der Schwelle hindurch wirken kann. Man könnte vielleicht sagen: Durch diese Zeichentat im 11. Kapitel des Johannes-Evangeliums ist Lazarus der Schwan und Johannes der Täufer der Gralsritter, der durch ihn hindurch wirkt.
Diese Zeichentat hat offenbar die Aufgabe, nicht nur den Toten Lazarus ins Leben zurückzurufen, sondern auch divergente Strömungen miteinander verbinden zu können, dass sie als Schwan- und Gralsstrom in einer Beziehung in die Welt wirken können. Denn von nun an wird es ja die Aufgabe der beiden Johannesströmungen sein, die Qualitäten des jeweils anderen selber zur Reife zu bringen. Und es heißt auch im Evangelium: Nachdem der Christus diese Zeichentat öffentlich vollzogen hat, eine Initiationshandlung öffentlich tat, war das der Moment, wo die Pharisäer den Entschluss fassten, dass sie ihn töten wollten.
Richard Wagner hat diese Zeichentat, ja die Auferweckung des Gottfried könnte man sagen, wo es auch darum geht, zwei Strömungen miteinander zu verbinden, die Artus- und die Gralsströmung. Denn nach diesem Parzival-Kultus, mit dem Parzival nach dem Vorbild von Lazarus auf der Gralsburg den Amfortas heilt, da verändert das alle Parameter der Gralswelt. Die Gralsritter, die davor die Aufgabe hatten, den Gral zu hüten, Unberufene von dem Gral fernzuhalten, werden nun als Schwanenritter in die Welt hineingesandt, um Notleidenden zu helfen. Die Artusritter, die davor – Parzival ist ein Artusritter – immer nur den Gral suchen konnten, das sind nun die Schwäne, die ein Gefäß sein sollen dafür, dass die Gralsritter durch sie hindurch wirken.
Es ist wieder diese – deswegen nenne ich das Parzival-Kultus –, ja diese Zeichentat, die auf Lazarus zurückgeht und die Richard Wagner dort zeigen wollte. Und irgendwas muss auf ihn eingewirkt haben, dass ihm am Ende der Mut verlässt und der das aus dem Lohengrin herausnimmt.
Die Konfirmation in der Schwanenritterkapelle 00:31:44
Und vielleicht hat der eine oder andere von Ihnen ja diese sehr interessante Ausstellung drüben wahrgenommen. Ich sagte vorhin, das meiste, was man sehen kann, ist Kaspar Hauser in der Kerkerzelle mit dem Kettlein, mit dem Pferdchen in dem Fall; eine Szene, die der Künstler auch dargestellt hat drüben, können Sie nachher ansehen: die Konfirmation Kaspar Hausers, 1833. Wo? Wo hat die stattgefunden? In einer Schwanenritterkapelle – Lohengrin-Thema, Schwanenritterkapelle – in Ansbach.
Und auch da glaube ich – das ist jetzt ein bisschen auf Eigenverantwortung gesagt –, dass diese Konfirmation, manche sagen auch eine Erwachsenentaufe im Geiste des Urchristentums, im Grunde genommen von dem, was der Pfarrer Fuhrmann mit Kaspar Hauser dort gemacht hat, eigentlich dieser Parzival-Kultus oder diese Lazarus-Zeichentat ist, mit der auch Parzival den verwundeten Amfortas geheilt hat.
Wenn man innerlich damit lebt, dieses Ritual der Konfirmation – das ist veröffentlicht –, dann kann man da auch diesen Vierschritt finden. Kaspar Hauser kniet nieder zu Ehren der Trinität, ja wie es heißt dann, er wendet sich zum Gral bei Wolfram. Schwanenritterkapelle, niederknien zu Ehren der Trinität. Dann in der Ansprache des Pfarrer Fuhrmanns ringt er um das Leid der Menschheit, die durch den Sündenfall gegangen ist. Und dann kommen diese besonderen Worte des Pfarrer Fuhrmanns, der also sagt – das lese ich Ihnen vor –, das ist eine besondere Art von „Oheim, was wirret dir“.
Da sagt er: „Jeder Mensch sei dir ein Gegenstand der Liebe, keiner des Hasses. Den Bösen verstoße nicht, sondern bessere ihn, wenn du kannst. Den Irrenden verachte nicht, sondern weise ihn zurecht. Den Frommen übersieh nicht, sondern folge seinem Beispiel.“ Nochmal: „Jeder Mensch sei dir ein Gegenstand der Liebe, keiner des Hasses. Den Bösen verstoße nicht, sondern bessere ihn, wenn du kannst. Den Irrenden verachte nicht, sondern weise ihn zurecht. Den Frommen übersieh nicht, sondern folge seinem Beispiel.“
Pfarrer Fuhrmann sagt später, das Verhalten Kaspar Hausers auf dem Sterbebett, wo er sagt: „Niemand hat mir etwas getan.“ Und er verzeiht eigentlich den anderen und sagt, dieser Kampf ist sehr schwer. Also diese Frage „Oheim, was wirret dir“, er macht sich mehr Sorgen um die Menschen, die ihm das angetan haben, als das, was man ihm angetan hat. Der Pfarrer Fuhrmann sagt, man versteht das Verhalten des Kaspar Hausers auf dem Sterbebett nicht, wenn man nicht die Worte der Konfirmation – den Bösen verachte nicht, den Irrenden helfe –, wenn man das nicht mit einbezieht.
Und dann, damit endet das Ganze, das muss einen so starken Eindruck auf die Menschen gemacht haben, die damals anwesend waren, dass man den Eindruck haben kann, die haben ihn eigentlich erkannt. Er sagt, das macht ja den stärksten Eindruck auf die anwesenden Menschen. Es ist eigentlich am Ende der Konfirmation dieselbe Situation am Ende des Lohengrin. Der Lohengrin löst das Kettlein, der Schwan taucht unter, ein Knabe in einem Silbergewand steht da und die Menschen erkennen ihn. Seht her, der Erbe von Brabant. Oder eben im Falle der Konfirmation von Kaspar Hauser, wo die anwesenden Menschen am Ende doch eine Wahrnehmung gehabt haben müssen, was das für ein besonderer Mensch mit seinem Impuls war.
Und man auch die Frage haben kann – das hat Peter Tradowsky immer beschäftigt –, ob man in diesem Moment, wo Pfarrer Fuhrmann diese Zeichentat in dieser Erwachsenentaufe, in dieser Konfirmation vollzogen hat, nicht auch den Entschluss gefasst worden ist, Kaspar Hauser ein halbes Jahr später zu töten.
Die Begegnung in Bamberg 1833 00:36:03
Die Frage, die Frau Lorenz stellte: Was haben die Individualitäten Kaspar Hauser, Richard Wagner, später auch Ludwig II. miteinander zu tun? Ich weiß nicht, ob Sie das wissen, Richard Wagner hat nicht nur die Kaspar-Hauser-Geschichte in seinem Lohengrin verschlüsselt dort hineingeschrieben, es gibt eine wahrscheinliche Begegnung zwischen den beiden. Und zwar am 14. Januar 1833 in der Kaiserstadt Bamberg.
Kaspar Hauser und Richard Wagner sind gleich alt. Wagner wurde am 22. Mai 1813 in Leipzig geboren. Kaspar Hauser wohl am 29. September 1812 in Karlsruhe. Das sind fünf Monate Altersunterschied. Wenn die zusammen zur Schule gegangen wären, wären sie allerdings in einer Klasse gewesen. Und Kaspar Hauser ist damals eine europaweit bekannte Sensation. Richard Wagner ein völlig unbekannter Niemand aus Leipzig.
Wagner war damals auf dem Weg nach Würzburg, wo sein Bruder Albert ihm eine Stelle am Theater als Chordirektor vermittelt hat. Und er hatte in der Tasche ein Libretto über eine Oper, die Sie nicht kennen müssen, weil die musikalisch nicht sehr interessant ist: „Die Feen“. Da geht es um einen jungen Prinzen, der sich in eine Feenkönigin verliebt und der darf sie aber nicht fragen, woher sie kommt. Lohengrin-Thema. Er hat das noch nicht musikalisch komponiert. Bemerkenswert aber ist, in dem Moment, wo er durch „Die Feen“ an das Lohengrin-Thema der nicht gestellten Frage herankommt, öffnet sich eine schicksalsmäßige Tür und er begegnet wohl in Gotha, Coburg oder Gotha – ich glaube Gotha war es –, Kaspar Hauser.
In seiner Autobiografie „Mein Leben“ schreibt er: Damals hörte ich die Geschichte des Findelkinds Kaspar Hauser, die überall in Europa bekannt war und den ich wahrscheinlich traf. Kaspar Hauser, der in Ansbach war als Schreiber, den hatte man nach Bamberg gelockt – da bin ich jetzt nicht ganz sicher –, also man wollte ihm eine adelige Frau zeigen unter der Frage, ob das seine Mutter sein könnte. Und dann sind die sich beiden wohl in der Kaiserstadt Bamberg begegnet. Ein einziges Mal.
Das ist sehr bemerkenswert, wer sich da gegenüber steht. Sie wissen das vielleicht, Steiner sagt über Richard Wagner auf eine Frage von Marie von Sievers, wer das gewesen war: Er sagt, Merlin in seinem letzten Leben. Der keltische Zauberer, derjenige, der die Artusrunde inauguriert, der Erzieher von Artus, der Genius Loci, der Spiritus Rector der Tafelrunde der Artusritter. Und dieser Artus, der begegnet dort mit dieser Merlin, Vertreter der Artusströmung, begegnet dort in Bamberg mit Kaspar Hauser, einem Vertreter der Grals- oder Rosenkreuzerströmung.
Die beiden treffen sich dort. Man weiß nicht, was die miteinander gesprochen haben. Man kann sich natürlich die Frage stellen, ob da irgendetwas zwischen denen geschehen ist, denn wenig später danach kann Richard Wagner ja mit seinem eigentlichen Werk ab dem „Fliegenden Holländer“ anfangen zu arbeiten. Also diese Begegnung von Artus- und Gralsströmung, mit der der Lohengrin gewissermaßen aufhört, das vollzieht sich in der Begegnung am 14. Januar 1833 in der Begegnung von Richard Wagner und Kaspar Hauser.
Und Sie wissen vielleicht, dass Rudolf Steiner davon gesprochen hat, dass die Artus- und die Gralsströmung – das sagt er in den Karma-Vorträgen 1924 – sich im 9. Jahrhundert begegnet sind. Man könnte vielleicht sagen: Ja, die Gralsritter müssen vom Osten befeuern, was die Artusritter als Schwäne vom Westen gestalten, dass die Artusritter Schwäne werden, die Gralsritter durch sie hindurch wirken können. Und er sagt: Wo ein Artus- und ein Gralsritter sich begegnen, da ist das immer eine Begegnung des Christus mit sich selber. In jedem Schwanenritter von Gottfried und Lohengrin begegnet sich der Christus in diesen beiden Strömungen. Man kann auch sagen: In der Begegnung von Kaspar Hauser und Richard Wagner ist das eine Begegnung des Christus mit sich selber.
Karl der Große als Repräsentant von Artus- und Gralsströmung 00:40:51
Und ich habe Ihnen hier ein Bild mitgebracht von Albrecht Dürer aus der Nürnberger Staatsgalerie. Das zeigt Karl den Großen. Karl der Große ist zum einen ein Vertreter der Artusströmung gewesen. Der hatte die Aufgabe im 8. Jahrhundert, die europäische, germanische Strömung zu zivilisieren. Das hat er auch sehr brutal gemacht. Vielleicht muss man sagen, er ist ein dekadenter Artusritter. Er hat die Sachsen grausam verfolgt. Rudolf Steiner nennt ihn allerdings auch einen irdischen Repräsentanten des Gralskönigs Titurel.
Also man kann vielleicht sagen: Schon so wie ein Sonnenaufgang in der Gestalt Karls des Großen begegnen sich die Artus- und die Gralsströmung. Und wenn Sie in Nürnberg das Bild sehen würden, dann würden Sie feststellen können, dass diese weißen Stellen hier oben am Bart Schwanenfedern sind. Da merkt man, was Dürer da wusste. Artus- und Gralsströmung. Steiner sagt das Jahr 869. Da haben sich in Europa und in der geistigen Welt die Artus- und die Gralsströmung sind sich begegnet. Und das war Emil Bock, der dann einfach die Dinge zusammengefasst hat und sagte: Dann wird 869 auch das Jahr gewesen sein, in dem der historische Parzival den Amfortas erlöst hat und selber Gralskönig geworden ist. Und in diesem Moment begegnet oder beginnt der Impuls der Gralsritter.
Ludwig II. und die Verbindung zum Schwanenritter 00:42:50
Abrunden das Ganze möchte ich auch noch den Dritten im Bunde heute Abend mit hineinnehmen, den bayerischen König Ludwig II. Auch der hat mit dem Lohengrin stark zu tun. Der ist am 25. August 1845 in München in Schloss Nymphenburg geboren. Zeitgleich weilt Richard Wagner in Böhmen in Marienbad zur Kur. Und die beiden, die sich ja später kannten, haben immer darüber, glaube ich, ein Stück weit gestaunt, weil in dem Moment, wo der Ludwig zur Welt kommt, schreibt Wagner in seiner Autobiografie: Eines Morgens wachte ich plötzlich auf und hatte den Impuls, mich mit dem Lohengrin zu beschäftigen. Der wusste gar nicht, woher das kommt, und innerhalb von drei Tagen hatte er das Libretto fertig geschrieben. Die hatten beide das Gefühl, als hätte der ungeborene Ludwig diesen Impuls gewissermaßen ins Dasein mitgebracht. Und der Wagner ist der Erste, der das aufnehmen kann.
Auch ansonsten macht es den Eindruck, als ob der Ludwig vorgeburtlich sich schon Bedingungen schafft, an die er anknüpfen kann, als er dort 1845 in München in Bayern geboren wird. Sein Vater, der damalige noch Kronprinz Maximilian, der in München ein Isar-Athen gebaut hat, der ist in die alte Schwanenrittergegend, Hohenschwangau, Castrum Schwangau – der dunkle Zauber des bayerischen Schwangaus, dort wo Ludwig später Neuschwanstein baut – zur Sommerfrische hingefahren und hat festgestellt, dass das die historische Gegend der Schwanenritter ist.
Ich selber frage mich, ob das ein Ort sein könnte, wo Grals- und Schwanenritter sich im 9. Jahrhundert begegnet sind, auf das Rudolf Steiner verweist. Und dann hat er dort als Sommerresidenz für die Wittelsbacher eine Burg ausgebaut, Hohenschwangau, deren Untergeschoss – vielleicht war jemand von Ihnen mal da – er die Lohengrinsage mit dem Schwanenritter an die Wände gemalt hat. Und der junge Ludwig, der von Anfang an, wenn er als Kind dort war, tief eingetaucht ist in die Landschaft, tief eingetaucht in die Sagenwelt, der muss tiefe Eindrücke auch empfangen haben in diesem Schloss, wo er von Anfang an mit dieser Schwanenrittersage in Berührung kam.
Man kann sich durchaus fragen, ob es nicht nur eine Begegnung von Kaspar Hauser und Richard Wagner gab, vielleicht gab es auch im Vorgeburtlichen eine Begegnung zwischen Kaspar Hauser und Ludwig II. Und der hat seine Konfirmation in der Schwanenritterkapelle wahrgenommen und da einen so tiefen Eindruck empfangen, dass er etwas von diesem Impuls, dieses Parzival-Kultus, dann in seiner Kindheit, in seiner weiteren Biografie plötzlich in die Welt zu bringen versucht.
Der erfährt dann bald auch, dass der Lohengrin in München uraufgeführt wird, will unbedingt dorthin; ne, er ist ein Weimarer, dass der in München auch aufgeführt wird, will unbedingt dorthin. Sein Vater verbietet ihm das. Und ich glaube, mit 16 Jahren hat er die Oper in München zum ersten Mal hören dürfen und er hat später gesagt: In diesem Moment hat mein Leben eigentlich begonnen. Also man merkt, der bringt da etwas mit, was er gezielt aufsucht in dem, was er in den Bedingungen seines Daseins vorfindet.
Dann mit 18 Jahren ist er König geworden und eines seiner ersten Taten war, dass er seinen Kabinettssekretär nach Stuttgart geschickt hat, ins Hotel Marquardt, wo der chronisch abgebrannte und pleitegegangene Richard Wagner, tief frustriert in einer Schaffenskrise – sein Tristan durfte nicht in Paris uraufgeführt werden –, dort also saß, und ihm ein Angebot machte, was er nicht ablehnen konnte: nach München zu kommen und seine weiteren Kunstwerke, seine weiteren Opern zu unterstützen. Ebenfalls an Pfingsten beginnt diese Freundschaft zwischen den beiden in München.
Es ist bemerkenswert, dass dieser Parzival-Kultus an Pfingsten 869 vollzogen wird. Das alte Gralsthema ist immer ein Karfreitagszauber, mit dem Gralskönigtum Parzivals beginnt das Pfingstmysterium, das ist immer die Gralstaube. Und überlegen Sie mal, im 19. Jahrhundert gibt es drei Pfingstfeste, wo dieser Pfingstgral gewissermaßen historisch wahrnehmbar wird. Das eine ist Pfingsten 1828, wo Kaspar Hauser, der Gottfried, der in einem Kettlein gebunden war, plötzlich in Nürnberg auftaucht. Pfingsten 1833 findet die Konfirmation Kaspar Hausers in der Schwanenritterkapelle in Ansbach statt. Und Pfingsten 1886 wird der 40-jährige König Ludwig drei Jahre nach dem Tod Richard Wagners im Starnberger See tot aufgefunden mit seinem Psychiater Professor von Gudden. Man hat ihn ja durch eine Fangkommission aus Neuschwanstein herausgeholt und ihn für geistesgestört erklärt. Dreimal, jeweils an einem Pfingstfest, leuchtet dieses Schwanenrittermysterium im 19. Jahrhundert historisch auf.
Und ähnlich wie sich mit Kaspar Hauser und Richard Wagner Grals- und Artusströmungen begegnen, kann man das Gefühl haben, in dieser Freundschaft von Richard Wagner und Ludwig leuchtet noch einmal diese Beziehung von Merlin und Artus auf. Merlin, der keltische Zauberer, der den jungen Artus erzieht, der ihm hilft, das Schwert aus dem Stein zu ziehen. Und auch zwischen diesen beiden eine Freundschaft: Der Ludwig als Artus hat eine Tafel, keine Tafelrunde, der hat ein bayerisches Staatskabinett; das hat sich allerdings gegen ihn gewandt. Ludwig hat sich immer zugute gehalten, dass er es war, der der Geburtshelfer des Parzival ist, mit der der siebengliedige Reigen der wagnerischen Opern – vom „Fliegenden Holländer“, „Tannhäuser“, der „Lohengrin“, der „Ring des Nibelungen“, die „Meistersinger von Nürnberg“, „Tristan und Isolde“ und dann mit dem „Parsifal“ – eben abgeschlossen werden konnte.
Also die müssen ein sehr bizarres Paar auch gewesen sein; der Ludwig war homosexuell, Wagner nur auf Frauen fixiert und ja, also tiefe Schwärmerei. Aber da leuchtet auch etwas von diesem Lohengrin-Schwanen-Mysterium durch die beiden hindurch. Und Ludwig hat dem Wagner ja dann auch eine Mysterienstätte in Bayreuth auf den Boden gestellt, die Bayreuther Festspiele, wo bis auf den heutigen Tag – nächstes Jahr feiern sie ihren 150. Geburtstag – diese sieben Opern jedes Jahr neu aufgeführt werden.
Priestertum, Königtum und die sieben Reichsinsignien 00:50:41
Als Allerletztes möchte ich Ihnen noch etwas mitgeben. Es ist viel Inhalt heute Abend, dessen bin ich mir bewusst, aber es ist ein Thema, was es sich lohnt in den verschiedenen Verknüpfungen miteinander in Beziehung zu bringen.
Also man kann sich ja fragen: Was hätte ein Kaspar Hauser als badischer Erbprinz im 19. Jahrhundert damals bewirken können? Man kann sich bei jedem König fragen: Was kann ein König in der Welt bewirken? Was kann er verändern? In der Apokalypse heißt es, der Christus wird uns zu Priestern und Königen machen. Was ist der Unterschied zwischen beidem? Ein Priester hat immer die Aufgabe, ein Repräsentant des Göttlichen auf der Erde zu sein. Der Papst würde sagen, der Stellvertreter Gottes auf Erden. Der König hat die andere Aufgabe: Der ist immer ein Repräsentant des Menschseins gegenüber der geistigen Welt.
Können Sie das innerlich ein bisschen greifen? Der Priester ein Repräsentant des Göttlichen auf der Erde. Der König muss immer ein Repräsentant des Menschseins gegenüber der göttlich-geistigen Welt sein können. Der Priester verwaltet sieben Sakramente. Der König als Zeichen seiner Herrschaft sieben Zeichen oder sieben Reichsinsignien, die Sie auch auf diesem Bild von Albrecht Dürer zum Teil hier sehen können. Karl der Große als Schwanenritter. In ihrer historischen Fassung könnten Sie die in der Residenz in München oder in der Schatzkammer in Wien betrachten.
Das sind die äußeren Gegenstände. Der König hatte immer ein Zepter. Das sehen Sie hier nicht. Das ist das Zeichen der königlichen Macht. Er hat den Reichsapfel. Jedes Königtum – deswegen das Kreuz auf dem Globus – muss immer auch eine weltumspannende Bedeutung haben. Deswegen ist ein nordkoreanischer Diktator oder ein iranischer Mullah kein König im Sinne des Reichsapfels, weil dessen Königtum hat ja immer nur eine Bedeutung für die Menschen, die er beherrscht. Jeder wahre König, dessen Königtum muss eine weltumspannende Bedeutung haben.
Das Reichsschwert, ja, ein Zeichen dafür wie im Lohengrin, dass immer ein Verstorbener von der anderen Seite der Schwelle den König begleitet und mit ihm kämpft. Die Reichskrone, die Sie bei Karl sehen, als Zeichen dafür, dass der König eine kosmische Anbindung hat. Dann der Reichshandschuh, den er trägt. Der König muss immer auch in der Werkwelt wirksam werden können. Also nicht nur wie der alte König Salomon, der aus der wunderbaren Weisheit ein Schloss bauen konnte, aber als Baumeister brauchte er den Hiram. Der wahre König ist weise, aber kann durch den Reichshandschuh in der Werkwelt wirksam werden.
Der Reichsmantel, den jeder König zu tragen hat und der ein Zeichen dafür ist, dass der König immer jenseits der Schwelle eine Bedeutung hat. Es gibt in Nürnberg in der Schatzkammer einen wunderbaren Kaisermantel. Blauer Samt, glaube ich, in der das ganze Tierkreis auf Gold dort einverwoben ist. Das heißt in der Sinneswelt: Wer weise ist vor Gott, ist töricht vor den Menschen. Wer töricht ist vor den Menschen, ist weise vor Gott. Wer den Reichsmantel als König trägt, der muss vor den Menschen und vor den Göttern zugleich weise und wirksam sein.
Und als Letztes die heilige Lanze, die ein Zeichen dafür ist, dass der König durch die Kraft des Sonnenstrahls auf der anderen Seite der Schwelle weißmagisch wirksam werden kann. Jeder König im wahren geistigen Sinne muss diese Kräfte der sieben Reichsinsignien in seiner Herrschaft zur Entfaltung bringen können. Und auch ein Kaspar Hauser hätte es als badischer Erbprinz zur Aufgabe gehabt, die Kräfte dieser sieben Reichsinsignien in seiner Herrschaft zu entfalten und wirksam werden zu lassen.
Die sieben Opern als Entfaltung der Reichsinsignien 00:55:41
Was ich irgendwann entdeckt habe: Der Lohengrin gibt am Ende der Elsa für den Gottfried auch Reichskleinodien. Das ist Ring, Horn, Schwert; sind offenbar kleine Ablagerungen davon. Und er sagt: Damit kann ich weiter wirksam werden. Kaspar Hauser, den man als badischen Erbprinzen offenbar verhindert hat, hat in seiner Herrschaft diese sieben Reichsinsignien nicht entfalten können. Aber je mehr ich mich mit dem Werk von Richard Wagner beschäftigt hatte, habe ich den Eindruck bekommen, dass in diesen sieben großen Opern Richard Wagners – „Der Fliegende Holländer“, der „Tannhäuser“, der „Lohengrin“, der „Ring des Nibelungen“, die „Meistersinger von Nürnberg“, der „Tristan und Isolde“ und der „Parsifal“ – sieben Mysteriendramen sind aus der Kraft dieser sieben Reichsinsignien.
Und vielleicht kann man das – ich will Ihnen das als Abschluss noch mitgeben – vielleicht ein bisschen so sehen: Kaspar Hauser ist verhindert worden. Aber durch diese sieben Mysteriendramen kann der Impuls der Reichsinsignien, den Kaspar Hauser als badischer Erbprinz hätte entfalten können, immer als Mysteriendrama wahr und aufgenommen werden. Warum? Geben Sie mir noch diese fünf Minuten, dass ich Ihnen das kurz aufzeigen kann.
Das Zepter, die Frage: Aus welcher Macht hat ein König seine Herrschaft? Das ist das Thema im „Fliegenden Holländer“. Der Fliegende Holländer ist ein Seemann, der das Kap der Guten Hoffnung umfahren will und will aus seiner Macht diesen Impuls verwirklichen und flucht sogar die Elemente: „Niemals will ich ablassen.“ Und dann wird er selber verflucht, weil er das tut, was die Dekadenzerscheinung aller Könige ist: wenn sie versuchen, durch magische Kräfte Herrschaft zu bekommen. Faust schließt auch einen Pakt mit Mephisto; er muss selber alle sieben Jahre an Land kommen, bis er durch die Ohnmacht geht und ein anderer Mensch, die Senta, ihn erlöst. Und Senta und der Holländer müssen beide durch Ohnmachtserlebnisse gehen, um damit an diese Erlösungskräfte des Reichszepters heranzukommen. Und offenbar, was sie dadurch lernen, was jeder König lernen muss, wenn er durch das wahre Reichszepter wirkt: Du musst in deiner Herrschaft immer die Freiheit der Menschen achten. Macht durch das Zepter heißt niemals, dass du die Freiheit der anderen Menschen eingreifst. Auch Rudolf Steiner wusste, er musste durch die Macht der Ohnmacht gehen, konnte Impulse geben und gleichzeitig das Versagen der Menschen hinnehmen, die das nicht aufnehmen konnten. Das ist das wahre Reichszepter, Thema im „Fliegenden Holländer“.
Im „Tannhäuser“ geht es um die große Frage: Welches Königreich hat eine weltumspannende Bedeutung? Und es werden drei Reiche gezeigt: der Pilgerzug aus Rom, das Papsttum; als zweites der Sängerkrieg auf der Wartburg; und der Venusberg. Und alle drei Reiche sind, wie man heute aber sagen würde, gewissermaßen Blasen oder Bubbles, die für sich genommen funktionieren, aber die keine weltumspannende Bedeutung haben. Ganz am Schluss kommt die heilige Elisabeth als der Genius Mitteleuropas, der für das Brot- und Rosenwunder steht am Ende des „Tannhäuser“ und zeigt, was der eigentliche Reichsapfel ist, der eigentliche mitteleuropäische Impuls, der eine weltumspannende Bedeutung hat. Das Brot- und Rosenwunder vollzieht die heilige Elisabeth der Sage nach. Und das ist das, was Rudolf Steiner einmal, was Friedrich Rittelmeyer einmal sagte: Deutschtum oder Mitteleuropa ist die Verbindung von Geisterkenntnis und Menschlichkeit. Nur wenn ein Herrscher die Verbindung von Geisterkenntnis und Menschlichkeit schafft, ist das ein Königtum, das eine weltumspannende Bedeutung hat. Die anderen Reiche im „Tannhäuser“ sind Blasen. Am Schluss taucht die heilige Elisabeth auf, die für dieses Brot- und Rosenwunder steht.
Lohengrin hatte ich Ihnen erzählt, ja das Reichsschwert. „Wer wird mein Streiter sein?“ Wie kann ein Verstorbener mit seinem Schwert durch den Schwan hindurch in der Welt wirksam werden?
Das Mysteriendrama des Reichsschwertes – im „Ring des Nibelungen“ kürzelt es etwas ab. Die Frage: Die alte Götterwelt geht unter und der Mensch selber trägt nach dem Untergang von Walhall die weitere Verantwortung für den Fortgang der Menschheit. Und der wahre König Siegfried wird umgebracht, am Ende von Hagen. Offenbar ein auch Verweis: Um die Reichskrone zu tragen, muss man gar nicht als König an die Macht kommen. Vielleicht sind die wahren Könige Mitteleuropas ganz oft diejenigen gewesen, die erst mal ihre Herrschaft verloren hatten, so wie Kaspar Hauser, aber die damit vielleicht ganz anders aus diesen Kräften der Reichskrone wirksam werden konnten.
Die letzten drei: „Meistersinger von Nürnberg“, eine unglaublich starke Oper, da geht es um den Reichshandschuh, um die Verbindung von Kain und Abel. Ja, es gibt die kainitischen Meistersinger, die alle Handwerker sind, die klassischen Kainiten wie der Baumeister Hiram. Und gleichzeitig gibt es einen anderen, den Walther von Stolzing, der aus der abelitischen Inspiration raus das Preislied empfangen muss, damit Kain und Abel im Sinne des Reichshandschuhs verbunden bleiben. Und es gibt den dekadenten Kainiten, den Beckmesser, der will, der ist verstrickt in den alten Handwerkerregeln, will die vertrocknet behalten; den dekadenten Walter, Abeliten Walther von Stolzing, der am Ende sagt: Ja, ich will ohne die Kainiten die Meistersinger glücklich sein und nur aus meinen Inspirationen wirken. Und das Ganze spielt an Johanni und dann kommt Hans Sachs als Vertreter der Abelströmung und sagt: Verachtet mir die Meister nicht. Nur wenn Kain und Abel verbunden werden können miteinander – „Ehrt eure deutschen Meister, dann bannt ihr gute Geister“. Nur wenn durch den Reichshandschuh in der Sinneswelt gewirkt werden kann, können die guten Geister ihren Segen dazugeben.
„Tristan und Isolde“, die Frage nach dem Reichsmantel. Wie kann man jenseits der Schwelle eine Wirksamkeit entfalten? Das große Drama zwischen den beiden Liebenden, in das Wunderreich der Nacht gemeinsam hineinzusterben. Am Ende stirbt der eine, der andere ihm nach, aber es ist eigentlich ein Gang über die Schwelle. Es geht auch um einen Zaubermantel, um einen Königsschmuck, aber der Versuch zweier Individualitäten, jenseits der Schwelle eine Wirksamkeit zu haben.
Und „Parsifal“, das ist deutlich: die heilige Lanze. Parsifal mit der heiligen Lanze, die er am Schluss auf die Gralsburg zurückbringt.
Ich glaube, diese sieben Werke von Richard Wagner sind Mysteriendramen, in dem dieser Impuls des wahren Königtums, das auch durch Kaspar Hauser hätte entfaltet werden können, dort zumindest als Mysteriendramen erhalten ist. Der Ludwig hat ihm geholfen, dass er das fertig auf der Erde in Deutschland wirksam werden lassen konnte. Vielleicht kann man ein bisschen erahnen, warum ein Adolf Hitler einen Richard Wagner mit all den charakterlichen Schwächen – die man ihm sicherlich nicht wegnehmen kann: sein Antisemitismus, seine Verschlagenheit, seine Berechnung, das war alles schon so – und trotzdem hat dieser Künstler unter eine Inspiration gestanden, von der ich glaube, dass man durch die den Impuls von Kaspar Hauser unmittelbar erleben kann. In dieser Kraft dieser sieben Reichsinsignien, die auch ein badischer Erbprinz hätte entfalten können.
Abschluss und Ausblick 01:04:02
Es gibt eben verschiedene Möglichkeiten, wie man die kostbarsten Dinge angreifen kann. Man kann sie versuchen zu zerstören. Man kann auch versuchen, sich ihrer zu bemächtigen, wie man im Englischen sagt: „Kill your enemy with a smile.“ Töte deinen Feind mit einem Lächeln. Indem du ihn umarmst, kannst du ihn nicht zerstören.
Und trotzdem ist das doch spannend, dass bis auf den heutigen Tag – war damals schon in den 70er-Jahren des 19. Jahrhunderts – gekrönte Häupter, der Adel Europas es immer wieder nach Bayreuth gezogen hat. Auch heute Angela Merkel, der Bundespräsident, die wollen dort irgendwie hin. Man mag sagen, weil sie die Musik lieben. Ich glaube aber auch, dass es um die Kraft dieser sieben Reichsinsignien geht. Und auch wenn diese Menschen in ganz anderen Impulsen stehen, die offenbar spüren: Das sind unsere Mysteriendramen mit der Frage, was ist das wahre mitteleuropäische Königtum? Und aus welchen Impulsen müssen wir heute wirken, damit dieses Königtum im Sinne eines Menschseins, das Repräsentant der göttlich-geistigen Welt sein kann, auch wirksam werden kann.
Ich habe Ihnen heute Abend viel zugemutet, dessen bin ich mir bewusst. Nehmen Sie es mal durch die Nacht mit. Vielleicht macht es uns etwas schwanenhafter, wenn wir morgen früh aufwachen. Und was sich da von Westen und uns im Schwanensee gestaltet, kann ein Gefäß dafür sein, dass Gralsimpulse vom Osten weiter uns befeuern können. Ich glaube, diese Zeit, in der wir leben, hat das bitter nötig.
In diesem Sinne herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit und ein gutes weiteres Kommen durch das Faschingsfest bis in die Passionszeit. Dankeschön.
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