Zeige deine Wunde - ein Interview mit Volker Harlan über Joseph Beuys, 2015

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„Zeige deine Wunde“: Volker Harlan über Joseph Beuys. Ein Film von Dr. Rüdiger Sünner Hier klicken um zum Video zu gelangen

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Transkript vom 30. Juni 2015

Bonusmaterialien zum Film "Zeige deine Wunde - Kunst und Spiritualität bei Joseph Beuys" von Dr. Rüdiger Sünner

+++ Dies ist ein maschinelles Transkript, welches noch überarbeitet werden muss. Willst du gerne MitTun?+++

Beuys' Zugang zur Anthroposophie 00:00:18

Ganz evident ist, dass er eben in der Klasse von Mataré mit 8 Leuten ist, von denen 6 sich für Anthroposophie interessieren. Und aus all dem, was man aus der damaligen Zeit dann weiß, insbesondere durch Günter Mancke, hat Beuys eben Vorträge gehört, Seminare besucht, Gesprächskreise gehabt, Eurythmie gemacht, Sprachgestaltung gemacht und außerdem noch gelesen. Sodass vieles von dem, was er sagt, gar nicht in den Büchern steht oder in den Einzelvorträgen, die er hat, sondern wo man deutlich sieht, zum Beispiel die Evangelienzyklen hat er nicht, die Steiner gehalten hat. Aber seine Aussagen zur Christologie stammen aus diesem Zusammenhang.

Da waren diese Leute wie der Benirschke und der Landau usw., die ständig Seminare, Arbeitskreise gehabt haben an den Beuys, also mindestens mehrere Jahre, und wie man gesagt, intensiv teilgenommen hat. Er wäre dem Stefanik nachgereist, oder auch dem Landau, um ihre Vorträge zu hören. Und die haben dann zusammengefasst, was die wiederum sich aus diesem Vortragswerk und aus den Grundlagenwerken erarbeitet haben. Und das hat er eben, ja, man muss dann sagen, so aufgenommen, dass das in ihm auf etwas traf, wo man sagen kann, ja, das ist es. Und ich vergleiche das immer damit, dass man sagt, wenn man jetzt jemanden kennenlernt, wo der Blitz einschlägt, also der Mann die Frau, die Frau den Mann, zack. Und dieses auf die Dinge treffen und sozusagen wissen, das gehört zu mir.

Das ist etwas, was wiederum eine spirituelle Erfahrung ist, wo man nicht sagen kann, das habe ich geerbt. Das spricht dann von der Kondition, die man ererbt haben muss, um dem Japper gegenüber spricht er davon, um ja ans Übersinnliche hin eine Neigung zu haben. Das ist nicht Vererbung. Das hängt nicht mit dem Elternhaus zusammen. Das hängt mit dem zusammen, woher man geistig kommt, die Vorgeburtlichkeit des geistigen Menschen. Und das ist für Beuys offenbar so, dass das so evident ist, dass er sich damit identifiziert, jetzt aber nicht das nur nachbetet, nachspricht und dogmatisiert, sondern versucht daraus seine eigene Anschauung von Welt und vom Umgang mit der Welt zu gestalten.

Sprache und die Verwirklichung geistiger Ideen 00:02:55

Sodass, als der Polke zu Stüttgen kommt und ihm sagt, das ist alles Anthroposophie, das ist gar nicht Beuys, damals in den Ringgesprächen, Stüttgen zwar geschockt ist und das dann auch wahrnimmt, dass es tatsächlich in gewisser Weise so ist, wenn man es wörtlich nimmt, aber dass Beuys es ausspricht, weil er es denkt und zwar nicht nur nachdenkt, sondern hervorbringend denkt. Und im Umgang mit Welt und Wirklichkeit und im plastischen und zunächst mal lange im zeichnerischen Arbeiten versucht er sich da eine Sprache zu erarbeiten, mit der er averbal, und das ist das Entscheidende dann bei ihm, ohne jetzt zunächst mal mit Wörtern zu sprechen, die Dinge in die Anschaubarkeit bringt.

Aber dass er, auch wenn er spricht, durchaus so spricht, dass er eben vom Ätherleib meinetwegen spricht oder von den Engeln und dann sagt der Stahlengel eben Kooperatöre, Mitarbeiter, richtig tüchtige Mitarbeiter haben wir da, da trivialisiert er die Sache den Wörtern nach, gleichzeitig manifestiert er sie, weil sie dadurch zugänglicher werden und wenn er so einen Satz hinknallt in einem Gespräch, dann lacht er oft danach, eine richtige Lachsalve, wer das gehört hat, vergisst es nie wieder und dann nimmt er den Satz schrittweise zurück, damit das Überwältigende, was in dem Satz zunächst mal drin ist, jetzt nicht wirklich überwältigt, sondern annehmbar wird und am Schluss sagt er, ja, dann bestätigt er dann nochmal, was er gesagt hat.

Das ist eine bestimmte Form von Poetisierung des Umgangs dessen, dass er sozusagen an dem, worum es geht, nichts zurücknimmt, aber es gleichzeitig wiederum in eine Form bringt, die rätselhaft bleibt, die nicht eindeutig ist, die nicht rationalisierbar ist, sondern die das Geheimnis, das offenbare Geheimnis, wie Goethe sagt, zeigt und behütet.

Das Kreuz, die Auferstehung und der Christus Triumphator 00:05:23

Aber was für Beuys ganz entscheidend wesentlich ist, ist, dass nicht das Kreuz in der Mitte steht, sondern dass das Kreuz das Durchgangstor ist für die Auferstehung. Und die Kirchen haben alle den Kruzifixus oder das nackte Kreuz im Mittelpunkt und ich kenne keine Kirche, die eine bedeutende Auferstehungsdarstellung zentral am Altar hätte, außer den Altären der Christengemeinschaft, wo das von der Gründung her vorgesehen ist, dass Kreuz und Auferstandene gemeinsam dargestellt werden.

Und das war für Beuys etwas, was er ganz ohne Zweifel in der Zeit damals kennengelernt hat. In der Christengemeinschaft hat er sich selber nicht verbunden, aber kennengelernt haben kann er, dass dort das Kreuz und Kreis sozusagen zusammengehören und deswegen ist der Christus Triumphator, den er macht, eine romanische Ikonologie, die aber jetzt, indem er da diese Bewegung hereinbringt in das Kreuz, ein schwebendes, ein leichtes bekommt, was gleichsam das Bild von Grünewald, das Kolmarer Bild, mit der Kreuzigung in eins verbindet. Und das war ihm eben ein ganz zentrales Anliegen, dass die Christusfigur keine historische ist, die dann der Moral und der Moralinen unterworfen werden kann, du sollst und du sollst nicht, kategorischer Imperativ und was immer protestantisch da ist, sondern dass das eine Kraft ist, die Auferstehungskraft, die aus dem Leiden hervorgehen kann. Und immer Aufruf ist für den, der leidet, wie das in Colmar eingerichtet war in dem Kloster ursprünglich, dass die Kranken, die da lagen, das Auferstehungsbild anschauen konnten, um sich daran innerlich sozusagen aufzurichten, als Geistwesen.

Die Würde der Substanz in der Kunst 00:07:26

Die Würde der Substanz, nichts wegschmeißen, kein Raster drüberlegen, sondern so nehmen, wie sie ist, damit sie sich selber aussprechen kann. Und das ist vielleicht wiederum der sakramentale Aspekt, die Dinge so verwenden, dass sie sich selber aussprechen können und nicht ästhetisch gleichsam untergeordnet werden. Ich kann Stein aus Steinen Kirchen bauen, das spricht dann auch über die Klinker, die da sind, die für zu hart gebrannt erachtet, hat mehr so holländische Klinker vor sich, die weicher sind. Im Klinkerbau ist das Material völlig untergeordnet, so wie die Substanz beim Aquarell, da ist nichts mehr von Substanz zu sehen.

Aber wenn Beuys jetzt eine Blutwurst oder ein Zuckerstück oder was immer verwendet, dann ist die Substanz als solche noch zu sehen, wenn sie auch überlagert wird, jetzt von der Form der Wurst oder beim Zuckerwürfel, den er da in Darmstadt in dem Einkästchen hat, ist es dann wiederum der Würfel in seiner Dreidimensionalität und der Zucker in seiner Energieform, in dieser höchsten Energieform, die die Pflanze so mit dem Fett zusammen hervorbringen kann. Das muss sich aussprechen können. Und ob es sich beim Kupfer ausspricht oder beim Filz, muss man eigentlich anfassen, wie Kupfer leitet, wie kalt Kupfer ist, weil es sofort die Wärme ableitet. Wie warm Filz ist, und das beschreibt Köpping ja ganz schön von dem Schneefall in Basel, jeden Abend müssen die Wärter, die da aufpassen, dort es wieder neu glätten. Ja, man müsste ein Schildchen machen, bitte anfassen. Denn Filz kann nur erfahren werden in der Qualität, in der Beuys ihn verwendet, wenn man ihn anfasst. Und dieses Qualitative ist was anderes, als ob es schön ist im ästhetischen Sinn. Da haben sie wieder das, dass sich die Substanzen aussprechen können müssen.

Keltentum und Schamanismus bei Beuys 00:09:38

Und Beuys hat dieses Keltische, ich glaube, weil es viel weniger literarisch ist, gesucht. Das, was man als Schamanismus bei Beuys sieht, liegt, glaube ich, auf einer ähnlichen Ebene wie im Keltentum, wo wir ja auch keine schriftlichen Überlieferungen haben, sondern wo das, was als Werkzeug oder eben auch in den Nachklängen der Mythen enthalten ist, eine unmittelbare Sprache der Natur und der Götter ist.

Das hat ihn fasziniert. Steinsetzungen und solche Dinge, wo er, glaube ich, in Stonehenge nicht gewesen ist. Aber diese Gewalt der Natur und ihr unmittelbares Verhältnis zur Religion des Menschen, die nicht eine auf dem hebräisch-neutestamentlichen Wege erworbene Theologie hervorbringt, sondern eine Naturreligion ermöglicht, die wiederum eben das Tier, die Pflanze achtet. Ich glaube, das ist der Punkt, der bei ihm zum Keltentum hin offen war.

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